Fertigation bedeutet, Wasser und Nährstoffe in einem Arbeitsgang über ein Bewässerungssystem auszubringen. Bei drei Pflanzen ist das eine Komfortfrage, bei hundert Pflanzen eine Notwendigkeit: Niemand kann täglich mehrere hundert Liter Nährlösung per Kanne gleichmäßig verteilen. Dieser Leitfaden zeigt, wie ein System in dieser Größenordnung geplant und aufgebaut wird – vom Wasserbedarf bis zur täglichen Kontrolle.

Schritt 1: Den Wasserbedarf berechnen #

Alles beginnt mit der Frage, wie viel Nährlösung die Anlage an einem Spitzentag liefern muss. Große Pflanzen in der Blüte verbrauchen deutlich mehr als junge Pflanzen in der Wachstumsphase.

PflanzenstadiumVerbrauch je Pflanze und Tag (Richtwert)
Stecklinge und junge Pflanzen0,2–0,5 Liter
Vegetative Phase, mittelgroß0,5–1,5 Liter
Blüte, große Pflanzen in Kokos oder Steinwolle1,5–4 Liter

Die tatsächlichen Werte hängen von Topfgröße, Substrat, Klima und Lichtintensität ab. Für die Auslegung rechnet man mit dem oberen Wert plus Drain-Anteil. Bei 100 Pflanzen mit je 3 Litern und 20 % Drain ergibt sich ein Tagesbedarf von rund 360 Litern. Der Mischtank sollte diesen Bedarf mindestens für einen Tag, besser für zwei Tage abdecken.

Schritt 2: Zonen und Tropfer planen #

Hundert Pflanzen werden selten auf einmal bewässert. Die Anlage wird in Zonen aufgeteilt, die nacheinander über Magnetventile angesteuert werden. Das hält die benötigte Pumpenleistung klein und erlaubt unterschiedliche Gießpläne, etwa für zwei Räume in verschiedenen Blütewochen.

Beispielrechnung für eine Zone mit 25 Pflanzen:

  • 25 Pflanzen × 2 Tropfer × 2 Liter pro Stunde = 100 Liter pro Stunde
  • Ein Gießzyklus von 0,5 Liter pro Pflanze dauert damit 7,5 Minuten
  • Vier Zonen nacheinander bewässert: rund 30 Minuten pro Zyklus für die gesamte Anlage

Wichtige Komponenten auf Zonenebene:

  • Druckkompensierende Tropfer: Sie geben unabhängig von der Position in der Leitung die gleiche Menge ab. Ohne sie bekommen Pflanzen am Leitungsende weniger.
  • Tropfer mit Rücklaufsperre: Sie verhindern, dass die Leitung nach dem Zyklus leerläuft und die tiefsten Pflanzen nachtropfen.
  • Mehrere Tropfer je Topf: Zwei oder mehr Tropfer verteilen die Lösung gleichmäßiger und sichern gegen verstopfte Einzeltropfer ab.
  • Ringleitungen statt Stichleitungen: Der Druck bleibt gleichmäßiger, wenn die Zonenleitung als Ring verlegt ist.

Schritt 3: Pumpe, Filter und Druck auslegen #

Die Pumpe muss den Durchfluss der größten Zone bei ausreichendem Druck liefern. Druckkompensierende Tropfer brauchen je nach Modell einen Mindestdruck, häufig im Bereich von etwa 0,5 bis 1 bar; die Herstellerangaben sind hier verbindlich. Plane mit einer Reserve von etwa 20–30 %, weil Filter, Schläuche und Höhenunterschiede Druck kosten.

Zwischen Pumpe und Tropfern gehören:

  • Ein Filter (Scheiben- oder Siebfilter), damit Partikel und Düngerreste die Tropfer nicht verstopfen
  • Ein Manometer vor und hinter dem Filter, um Verschmutzung früh zu erkennen
  • Ein Druckminderer, falls die Pumpe mehr Druck liefert, als die Tropfer vertragen
  • Magnetventile je Zone und ein Rückschlagventil am Pumpenausgang

Schritt 4: Die Dosierung festlegen #

Für die Nährstoffzugabe gibt es zwei grundlegende Wege.

MethodePrinzipVorteileNachteile
Batch-TankNährlösung wird im Mischtank fertig angemischteinfach, robust, EC und pH vor dem Gießen messbargroße Tanks, Lösung altert, jeder Rezeptwechsel erfordert neuen Ansatz
Inline-DosierungStammlösungen werden proportional ins Wasser dosiertkein großer Mischtank, verschiedene Rezepte je Zone möglichhöhere Komplexität, Dosiertechnik muss regelmäßig kalibriert werden

Für den Einstieg in diese Größenordnung ist ein Batch-Tank meist die sicherere Wahl. Er verzeiht Fehler und lässt sich leicht kontrollieren. Inline-Dosierung spielt ihre Stärken aus, wenn mehrere Räume mit unterschiedlichen Rezepten versorgt werden sollen. Einen detaillierten Vergleich der Systemtypen liefert der Beitrag Großflächige Fertigation: Systeme im Vergleich.

Schritt 5: Messen und kontrollieren #

Ein Fertigation-System ist nur so gut wie seine Kontrolle. Mindestens diese Werte sollten täglich erfasst werden:

  • EC und pH der Zulauflösung: Richtwerte für Kokos liegen meist bei pH 5,7–6,2, der EC je nach Phase grob bei 1,2–2,2 mS/cm.
  • EC und pH im Drain: Steigt der Drain-EC deutlich über den Zulauf, sammeln sich Salze an; dann Drain-Anteil erhöhen oder EC senken.
  • Drain-Menge: Stichprobenartig in einigen Pflanzen je Zone messen.
  • Tropferleistung: Wöchentlich einige Tropfer in einen Messbecher laufen lassen.

Online-Sensoren für EC und pH im Mischtank sind in dieser Größenordnung sinnvoll, ersetzen aber nicht das regelmäßige Nachmessen mit kalibrierten Handgeräten. Welche EC-Werte in welcher Phase passen, zeigt der Ratgeber EC-Wert für jede Cannabis-Wachstumsphase.

Schritt 6: Wartung einplanen #

  • Täglich: Sichtkontrolle auf Lecks, trockene Töpfe und Tropfer, die nicht laufen.
  • Wöchentlich: Filter reinigen, Tropfer prüfen, Messgeräte kalibrieren.
  • Zwischen den Zyklen: Leitungen mit einem geeigneten Reinigungsmittel spülen, um Biofilm und Salzablagerungen zu entfernen, anschließend mit klarem Wasser nachspülen.

Und bei drei Pflanzen in der Growbox? #

Die Grundprinzipien lassen sich verkleinern: ein Reservoir von 20–60 Litern, eine kleine Tauchpumpe, eine Zeitschaltuhr und druckkompensierende Tropfer. Statt Inline-Dosierung mischst du die Lösung wie gewohnt im Tank an. Wie so ein Aufbau konkret aussieht, zeigt Tropfbewässerung im Grow einrichten.

Häufige Fragen #

Welches Substrat eignet sich für Fertigation?

Am besten Substrate mit hoher Durchlässigkeit und geringer eigener Nährstoffladung, etwa Kokos oder Steinwolle. In Erde ist Fertigation möglich, aber die Nährstoffe aus der Erde überlagern sich mit der Lösung, was die Steuerung erschwert.

Wie oft wird bei Fertigation gegossen?

In Kokos und Steinwolle meist mehrmals täglich in kleinen Gaben, in der Blüte oft drei bis sechs Zyklen während der Lichtphase. Häufigkeit und Menge werden anhand von Drain und Topfgewicht angepasst.

Brauche ich für jeden Raum ein eigenes System?

Nicht zwingend. Ein zentraler Tank mit getrennten Zonen reicht, solange alle Räume dieselbe Lösung vertragen. Unterschiedliche Phasen mit stark abweichenden Rezepten sprechen für getrennte Tanks oder Inline-Dosierung.