Eine ausgewachsene Cannabispflanze bewegt an einem warmen Tag mehrere Liter Wasser durch ihren Körper. Den größten Teil davon gibt sie über die Blätter wieder ab. Der Weg dorthin führt durch das Xylem, ein feines Röhrensystem im Stängel. Wer versteht, wie dieser Transport funktioniert, versteht auch, warum Klima, Gießen und Wurzelgesundheit so eng zusammenhängen.

Was ist Xylem? #

Xylem, auch Holzteil genannt, ist das Leitgewebe, das Wasser und darin gelöste Mineralstoffe von den Wurzeln nach oben in Stängel, Blätter und Blüten transportiert. Es besteht aus langgestreckten, abgestorbenen Zellen mit verstärkten Wänden, die hintereinander liegende Röhren bilden.

Neben dem Xylem gibt es das Phloem, auch Siebteil genannt. Es transportiert in die andere Richtung, vor allem Zucker aus der Photosynthese von den Blättern zu Wurzeln, Trieben und Blüten. Xylem und Phloem liegen im Stängel in Leitbündeln nebeneinander.

MerkmalXylemPhloem
TransportiertWasser, NährsalzeZucker, Aminosäuren, Signalstoffe
Richtungvon unten nach obenin alle Richtungen, je nach Bedarf
AntriebSog durch Verdunstung an den BlätternDruckunterschiede durch Zuckerkonzentration
Zellentote, verholzte Röhrenlebende Siebzellen

Bei Cannabis verholzt der Hauptstängel mit zunehmendem Alter. Ein großer Teil des Holzes besteht aus Xylemgewebe, das im Laufe des Wachstums durch neue Zellschichten zunimmt.

Wie kommt das Wasser nach oben? #

Pflanzen haben keine Pumpe. Der Transport funktioniert über einen Sog, der an den Blättern entsteht:

  1. Transpiration

    An der Blattunterseite öffnen sich winzige Poren, die Spaltöffnungen oder Stomata. Dort verdunstet Wasser in die Luft.

  2. Sogwirkung

    Das verdunstete Wasser zieht über die Wassersäule im Xylem neues Wasser nach. Wassermoleküle haften aneinander (Kohäsion) und an den Röhrenwänden (Adhäsion), deshalb reißt die Säule normalerweise nicht ab.

  3. Aufnahme an der Wurzel

    Die Wurzelhaare nehmen Wasser aus dem Substrat auf, das in das Xylem der Wurzel gelangt und nach oben weitergeleitet wird.

Zusätzlich gibt es einen schwachen Wurzeldruck, der vor allem nachts eine Rolle spielt. Manchmal sieht man ihn morgens als kleine Wassertröpfchen an den Blatträndern, die sogenannte Guttation.

Was das Xylem mit Nährstoffen zu tun hat #

Mit dem Wasser wandern auch die gelösten Nährsalze nach oben: Stickstoff, Kalium, Calcium, Magnesium und die Spurenelemente. Für einen Nährstoff ist das besonders wichtig: Calcium wird fast ausschließlich über das Xylem transportiert und in der Pflanze kaum umverteilt. Er landet dort, wo viel Wasser verdunstet.

Das hat praktische Folgen: Wenn die Transpiration stockt, etwa bei sehr hoher Luftfeuchte, bekommen junge Blätter und Triebspitzen weniger Calcium, auch wenn genug im Substrat ist. Calciummangel-Symptome an jungen Blättern sind deshalb nicht immer ein Düngerproblem, sondern manchmal ein Klimaproblem.

Transpiration steuern: die Rolle von VPD #

Wie stark eine Pflanze transpiriert, hängt vor allem vom Dampfdruckdefizit (VPD) ab, also davon, wie „durstig“ die Luft ist. Es ergibt sich aus Temperatur und relativer Luftfeuchte.

  • VPD zu niedrig (kühl und sehr feucht): Die Pflanze verdunstet wenig, der Wasser- und Nährstofftransport verlangsamt sich, Schimmel hat leichtes Spiel.
  • VPD im Zielbereich: gleichmäßiger Fluss, gute Nährstoffversorgung. Als Richtwerte gelten etwa 0,8 bis 1,2 kPa in der Wachstumsphase und 1,0 bis 1,5 kPa in der Blüte.
  • VPD zu hoch (warm und trocken): Die Pflanze verliert mehr Wasser, als die Wurzeln liefern können. Sie schließt die Spaltöffnungen, die Photosynthese sinkt, Blätter hängen oder rollen sich ein.

Wie du den VPD in der Growbox einstellst, erklärt die Anleitung zum Einstellen der VPD-Werte. Die Kurzdefinition steht im Lexikon unter Was bedeutet VPD?.

Was bedeutet das für die Praxis? #

Beim Gießen: Die Wurzeln müssen Wasser aufnehmen können. Dauerhaft nasses Substrat nimmt ihnen den Sauerstoff, sie arbeiten schlechter, und die Pflanze welkt trotz nasser Erde. Das typische Bild der Überwässerung ist also auch ein Transportproblem. Mehr dazu im Ratgeber Überwässerung bei Cannabis.

Beim Klima: Umluft sorgt dafür, dass die feuchte Luftschicht direkt an den Blättern abtransportiert wird. Ohne Luftbewegung sinkt die Transpiration, selbst wenn die Box insgesamt trocken genug ist.

Bei Stecklingen: Ein frisch geschnittener Steckling hat keine Wurzeln, verdunstet über die Blätter aber weiter Wasser. Deshalb brauchen Stecklinge hohe Luftfeuchte, etwa 75 bis 90 %, und oft gekürzte Blätter. Beim Schnitt kann außerdem Luft in die angeschnittenen Xylemröhren gelangen und den Wassertransport unterbrechen. Darum wird der Steckling direkt nach dem Schnitt in Wasser oder Bewurzelungsgel gestellt und idealerweise schräg geschnitten.

Bei Training: Beim Supercropping werden die inneren Gewebe des Stängels gequetscht, darunter auch Xylem. Die Pflanze repariert die Stelle und bildet dort oft einen verdickten Knoten. Deshalb sollte ein Stängel nur leicht geknickt, aber nicht durchgebrochen werden.

Bei Hitze: An heißen Tagen kann der Wasserbedarf stark steigen. Hängende Blätter am Nachmittag sind ein Zeichen, dass der Nachschub nicht mithält, entweder weil zu wenig Wasser im Topf ist oder weil der VPD zu hoch ist.

Häufige Fragen #

Kann ich das Xylem bei Cannabis sehen?

Nicht direkt mit bloßem Auge. Im Querschnitt eines älteren Stängels erkennst du aber den hellen, holzigen Ring, der größtenteils aus Xylemgewebe besteht.

Transportiert das Xylem auch Dünger?

Ja. Alle über die Wurzeln aufgenommenen Nährsalze wandern mit dem Wasser im Xylem nach oben. Deshalb beeinflusst das Klima auch, wie gut Nährstoffe in Blätter und Blüten gelangen.

Warum ist Umluft für den Wassertransport wichtig?

Ohne Luftbewegung bildet sich an den Blättern eine feuchte Grenzschicht, die die Verdunstung bremst. Ein Umluftventilator trägt sie ab und hält die Transpiration und damit den Transport in Gang.