Feminisierte Samen tragen fast ausschließlich weibliche Genetik. Möglich wird das, indem eine weibliche Pflanze gezielt dazu gebracht wird, männliche Blüten mit Pollen zu bilden. Die verbreitetste Methode dafür ist Silberthiosulfat, kurz STS. Diese Anleitung erklärt, wie die Lösung angesetzt wird, wann du sprühst und wie du die Samen sicher zur Reife bringst.
Silbernitrat ist ätzend, färbt Haut und Oberflächen dauerhaft schwarz und ist giftig für Wasserorganismen. Arbeite mit Nitrilhandschuhen und Schutzbrille, bewahre die Stoffe kindersicher auf und entsorge Reste über die Schadstoffsammlung, niemals über den Abfluss. Die mit STS behandelte Pflanze ist ausschließlich Pollenspender und darf nicht konsumiert werden.
Wie funktioniert die STS-Methode? #
Die Ausbildung weiblicher Blüten wird bei Cannabis unter anderem durch das Pflanzenhormon Ethylen gesteuert. Silberionen blockieren die Wirkung von Ethylen in der Pflanze. Wird eine weibliche Pflanze kurz vor und zu Beginn der Blüte mit STS besprüht, bildet sie an den behandelten Stellen männliche Blüten. Deren Pollen tragen nur weibliche Erbinformation, weil die Pflanze selbst keine männlichen Chromosomen besitzt. Bestäubst du damit eine weibliche Pflanze, entstehen fast ausschließlich weibliche Nachkommen.
Silberthiosulfat ist dabei die bevorzugte Form, weil das Thiosulfat die Silberionen in der Pflanze beweglich hält. Reines Silbernitrat wirkt nur lokal und schädigt das Gewebe stärker. Kolloidales Silber ist eine Alternative, erfordert aber meist deutlich mehr Anwendungen.
Was du brauchst #
- Silbernitrat (AgNO3) und Natriumthiosulfat (Na2S2O3, wasserfrei oder als Pentahydrat)
- Destilliertes Wasser oder Osmosewasser, kein Leitungswasser
- Feinwaage mit einer Auflösung von 0,01 g
- Zwei saubere Messbecher und eine dunkle Glas- oder Kunststoffflasche
- Sprühflasche mit feinem Nebel
- Nitrilhandschuhe, Schutzbrille
- Einen separaten Raum oder eine eigene kleine Box für die Pollenpflanze
Mutterpflanze wählen #
Die Qualität deiner Samen hängt direkt von den Eltern ab. Behandelt wird der Pollenspender, bestäubt wird die Samenträgerin. Beide können derselbe Klon sein (Selfing) oder zwei verschiedene weibliche Pflanzen (Kreuzung).
Achte bei der Auswahl auf:
- Stabilität: Die Pflanze sollte unter normalen Bedingungen keinerlei zwittrige Tendenzen zeigen. Wer eine Pflanze mit eigener Neigung zu Zwitterblüten verwendet, gibt diese Eigenschaft weiter.
- Wuchs und Gesundheit: Kräftig, schädlingsfrei, ohne Mangelsymptome.
- Gewünschte Merkmale: Aroma, Blütedauer, Struktur. Idealerweise kennst du die Pflanze aus einem vorherigen Durchgang.
Warum die Stabilität so wichtig ist, erklärt der Beitrag Hermaphrodit bei Cannabis. Grundlagen zum Kreuzen findest du in Cannabis-Züchtung für Einsteiger.
STS-Lösung ansetzen #
Das weit verbreitete Rezept besteht aus zwei Stammlösungen, die gemischt und anschließend verdünnt werden. Die Mengen sind Richtwerte für eine kleine Menge Sprühlösung.
Lösung A ansetzen
0,1 g Silbernitrat in 100 ml destilliertem Wasser vollständig auflösen.
Lösung B ansetzen
0,5 g wasserfreies Natriumthiosulfat in 100 ml destilliertem Wasser auflösen. Beim Pentahydrat entsprechend mehr verwenden, etwa 0,8 g.
Mischen
Lösung A langsam unter ständigem Rühren in Lösung B gießen, nicht umgekehrt. Es entstehen 200 ml Stammlösung.
Verdünnen
Für die Sprühlösung einen Teil Stammlösung mit etwa neun Teilen destilliertem Wasser mischen.
Lagern
Stammlösung dunkel und kühl aufbewahren, beschriften und innerhalb weniger Wochen verbrauchen. Verfärbt sie sich dunkel, ist sie unbrauchbar.
Anwendungs-Timing #
Das Timing entscheidet über den Erfolg. Die Pflanze muss die Silberionen aufnehmen, bevor sie die ersten Blütenanlagen festlegt.
Erste Anwendung
Etwa drei bis fünf Tage vor dem Umstellen auf 12/12 die Pflanze tropfnass einsprühen, auch die Blattunterseiten.
Zweite Anwendung
Am Tag der Umstellung auf 12/12 wiederholen.
Dritte Anwendung
Etwa fünf bis sieben Tage nach der Umstellung ein letztes Mal sprühen.
Beobachten
Nach rund zwei bis drei Wochen Blüte zeigen sich die ersten männlichen Pollensäcke. Nach vier bis sechs Wochen öffnen sie sich.
Sprühe bei ausgeschaltetem oder stark gedimmtem Licht, damit keine Tropfen als Brennglas wirken. Nach der Behandlung können Blätter vergilben oder Spitzen verbrennen; das ist bis zu einem gewissen Grad normal.
Wenn du die Pflanze nicht komplett opfern willst, kannst du einen einzelnen Ast mit einem Beutel abschirmen und nur diesen besprühen. Die restliche Pflanze ist trotzdem nicht zum Konsum geeignet, weil Silber im Gewebe verteilt werden kann.
Pollen sammeln #
Reife erkennen
Die Pollensäcke schwellen an, werden leicht gelblich und öffnen sich schließlich.
Pflanze isolieren
Spätestens jetzt gehört der Pollenspender in einen separaten Raum. Pollen verteilen sich über die Luft und bestäuben sonst alles in der Box.
Auffangen
Reife Säcke vorsichtig über einem glatten Papier oder Glas ausklopfen oder abschneiden und trocknen lassen.
Trocknen
Den Pollen ein bis zwei Tage bei Raumtemperatur auf Backpapier trocknen, dann durch ein feines Sieb geben.
Lagern
Trocken und luftdicht bleibt Pollen im Kühlschrank einige Wochen, im Gefrierfach mit Trockenmittel deutlich länger keimfähig.
Bestäuben und Samen reifen lassen #
Die Samenträgerin sollte sich in der zweiten bis vierten Blütewoche befinden, wenn die Narbenfäden (Stempel) frisch und weiß sind.
Ast auswählen
Bestäube gezielt einzelne Äste, damit der Rest der Pflanze samenfrei bleibt.
Pollen auftragen
Mit einem feinen Pinsel auf die weißen Narbenfäden tupfen, am besten bei ausgeschalteter Umluft.
Beschriften
Ast und Datum markieren, damit du später weißt, wo Samen zu erwarten sind.
Reifen lassen
Nach der Bestäubung brauchen die Samen etwa fünf bis sechs Wochen. Reife Samen sind dunkel, oft gemasert und fest.
Ernten und trocknen
Samen aus den Blüten lösen und zwei bis vier Wochen bei Raumtemperatur nachtrocknen lassen.
Getrocknete Samen lagerst du kühl, dunkel und trocken, zum Beispiel luftdicht mit Trockenmittel im Kühlschrank. Wie du sie später erfolgreich zum Keimen bringst, erklärt Cannabis-Samen keimen lassen.
Häufige Fragen #
Sind selbst hergestellte feminisierte Samen zu 100 % weiblich?
Nicht garantiert, aber der Anteil weiblicher Pflanzen liegt bei sauberer Arbeit sehr hoch. Das größere Risiko sind Zwittertendenzen, wenn instabile Eltern verwendet wurden.
Ist das Ergebnis eine F1-Generation?
Nur wenn du zwei unterschiedliche, stabile Linien kreuzt. Selbst bestäubte Samen eines Klons werden als S1 bezeichnet. Was hinter den Bezeichnungen steckt, erklärt der Eintrag F1-Hybrid.
Kann ich statt STS kolloidales Silber verwenden?
Ja, das funktioniert ebenfalls, erfordert aber meist tägliches Sprühen über mehrere Wochen. STS gilt als zuverlässiger und braucht weniger Anwendungen.
Wie viele Pollen brauche ich?
Sehr wenig. Schon ein einzelner geöffneter Pollensack reicht, um mehrere Äste zu bestäuben. Übermäßige Mengen erhöhen nur das Risiko ungewollter Bestäubung.




