Die großen, handförmigen Blätter sind das bekannteste Erkennungsmerkmal der Cannabis-Pflanze. Beim Grow stellen sie dich immer wieder vor dieselbe Frage: dranlassen oder abschneiden? Die Antwort hängt davon ab, welche Aufgabe das jeweilige Blatt gerade erfüllt und in welcher Phase sich die Pflanze befindet.
Was sind Fächerblätter? #
Fächerblätter sind die großen, gefingerten Blätter, die an langen Stielen direkt aus dem Haupttrieb und den Seitentrieben wachsen. Je nach Genetik und Alter bestehen sie aus fünf bis neun, manchmal bis zu dreizehn schmalen Einzelblättchen, die sich wie ein Fächer anordnen.
Abzugrenzen sind sie von den Zuckerblättern: kleinen, oft mit Trichomen besetzten Blättchen, die in der Blüte zwischen den Kelchen hervorwachsen. Zuckerblätter werden beim Trimmen entfernt oder als Trim weiterverwendet. Fächerblätter tragen dagegen kaum Trichome und werden bei der Ernte meist komplett entfernt.
Welche Funktion haben Fächerblätter? #
Photosynthese #
Fächerblätter bilden den größten Teil der Blattfläche. Sie fangen das Licht ein und wandeln es mithilfe von Chlorophyll in Zucker um, die Energie für Wachstum und Blütenbildung. Je mehr gesunde Blattfläche im Licht steht, desto mehr Energie steht der Pflanze zur Verfügung.
Nährstoffspeicher #
Fächerblätter dienen außerdem als Lager. Die Pflanze kann mobile Nährstoffe wie Stickstoff, Magnesium und Kalium aus älteren Blättern abziehen und in neue Triebe oder Blüten verlagern. Deshalb zeigen sich viele Mangelerscheinungen zuerst an den unteren, älteren Fächerblättern.
Verdunstung und Klima #
Über die Spaltöffnungen der Blätter gibt die Pflanze Wasser ab. Diese Verdunstung zieht Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln nach oben und kühlt die Blattoberfläche. Wie stark die Pflanze verdunstet, hängt vom Klima ab, beschrieben durch den VPD-Wert.
Schattenwurf #
Die Kehrseite: Große Fächerblätter verdecken darunterliegende Triebe und Blütenansätze. Außerdem bremsen dicht stehende Blätter die Luftbewegung, was in der Blüte das Schimmelrisiko erhöht. Genau hier setzt das gezielte Entfernen an.
Wann solltest du Fächerblätter entfernen? #
Grundsätzlich gilt: Ein gesundes Fächerblatt arbeitet für die Pflanze. Entferne es nur, wenn es einen klaren Nachteil bringt.
| Situation | Entfernen? | Begründung |
|---|---|---|
| Blatt verdeckt eine Triebspitze oder einen Blütenansatz | ja, gezielt | mehr Licht für die Stellen, die später Blüten tragen |
| Blatt liegt auf dem Substrat oder ganz unten im Schatten | ja | trägt kaum zur Energie bei, fördert Feuchtigkeit und Schädlinge |
| Blatt ist beschädigt, vergilbt oder zeigt Schimmel | ja | kein Nutzen mehr, mögliche Infektionsquelle |
| dichter Blattstand im Inneren der Pflanze | teilweise | verbessert Luftbewegung, senkt Schimmelrisiko |
| gesundes Blatt im vollen Licht | nein | wichtige Energiequelle |
| natürliche Vergilbung in den letzten Blütewochen | nein | Pflanze zieht Nährstoffe ab, Blatt fällt selbst |
Das richtige Timing #
In der vegetativen Phase #
Hier kannst du am ehesten eingreifen, weil die Pflanze sich schnell erholt. Sinnvoll ist ein leichtes Auslichten, sobald die Pflanze dicht wird und Seitentriebe im Schatten liegen. Nach dem Eingriff braucht sie etwa drei bis fünf Tage, um wieder normal zu wachsen.
Kurz vor der Umstellung auf Blüte #
Viele Grower lichten ein paar Tage vor dem Wechsel auf 12/12 noch einmal aus: untere Triebe und Blätter, die später ohnehin kaum Licht bekommen, und große Blätter, die die spätere Blütenzone abschatten. So startet die Pflanze mit guter Luftzirkulation in den Stretch.
In der frühen Blüte #
Rund um den Tag 21 der Blüte, also nach dem Ende des Stretchs, ist ein weiterer gezielter Schnitt verbreitet. Danach solltest du Fächerblätter nur noch bei Bedarf entfernen. Eine sehr radikale Variante, bei der fast alle Blätter auf einmal fallen, ist das Schwazzing. Diese Technik ist umstritten und eher etwas für erfahrene Grower mit robusten Sorten.
In der späten Blüte #
In den letzten zwei bis drei Wochen vor der Ernte werden viele Fächerblätter gelb. Das ist normal: Die Pflanze verlagert die gespeicherten Nährstoffe in die Blüten. Lass diese Blätter hängen, bis sie sich von selbst lösen oder vollständig abgestorben sind.
Entferne pro Durchgang höchstens etwa 20 bis 30 % der Blattmasse. Wer eine Pflanze kahl schneidet, nimmt ihr die Energiequelle und die Nährstoffreserve. Das Ergebnis sind Wachstumsstopp und kleinere Blüten statt mehr Ertrag.
So entfernst du Fächerblätter richtig #
Saubere Schere verwenden
Eine scharfe, desinfizierte Schere hinterlässt glatte Schnitte. Abreißen ist möglich, verletzt aber manchmal den Trieb.
Am Stiel schneiden
Schneide den Blattstiel nahe am Trieb ab, aber ohne den Trieb selbst oder die Knospe in der Blattachsel zu verletzen.
Von unten nach oben arbeiten
Beginne mit den unteren, schattigen Blättern und arbeite dich nur so weit nach oben vor wie nötig.
Zu Beginn der Lichtphase schneiden
So hat die Pflanze den ganzen Tag, um die Schnittstellen abtrocknen zu lassen.
Beobachten
Kontrolliere in den folgenden Tagen, ob die Pflanze weiterwächst oder ob du zu viel entfernt hast.
Die Alternative: Blätter umlegen #
Nicht jedes störende Blatt muss ab. Beim Leaf Tucking schiebst du ein Fächerblatt vorsichtig unter einen Trieb oder hinter einen Stiel, sodass es die Triebspitze nicht mehr beschattet. Das Blatt bleibt als Energiequelle erhalten. Die Methode kostet mehr Zeit, ist aber besonders schonend und eignet sich gut für Einsteiger und für Autoflower.
Häufige Fragen #
Bringt das Entfernen von Fächerblättern mehr Ertrag?
Richtig dosiert kann gezieltes Auslichten die unteren Blüten verbessern und das Schimmelrisiko senken. Zu starkes Entlauben kostet dagegen Ertrag. Die Diskussion um Nutzen und Risiko fasst der Beitrag Defoliation bei Cannabis: Ja oder Nein? zusammen.
Sollte ich bei Autoflower Fächerblätter entfernen?
Nur sehr zurückhaltend. Autoflower haben eine feste, kurze Lebensdauer und kaum Zeit, sich von Eingriffen zu erholen. Beschränke dich auf beschädigte Blätter und einzelne Blätter, die Triebspitzen komplett verdecken.
Warum werden meine Fächerblätter schon in der Wachstumsphase gelb?
Wenn untere Fächerblätter in der vegetativen Phase gelb werden, deutet das häufig auf Stickstoffmangel, ein pH-Problem oder Überwässerung hin. In der späten Blüte ist Vergilbung dagegen normal.
Kann ich die Fächerblätter nach der Ernte verwenden?
Fächerblätter enthalten nur wenige Trichome. Viele Grower kompostieren sie. Die trichomreicheren Zuckerblätter eignen sich eher zur Weiterverarbeitung.
Fazit #
Fächerblätter sind Energielieferant und Nährstoffspeicher zugleich. Entferne sie gezielt, wenn sie Triebspitzen verschatten, am Boden liegen oder beschädigt sind, am besten in der vegetativen Phase, kurz vor der Umstellung und nach dem Stretch. Nimm nie mehr als etwa ein Viertel der Blattmasse auf einmal, und lass die natürliche Vergilbung in der späten Blüte einfach geschehen.



