Viele Anlagen kennen die Bausteine des integrierten Schädlingsmanagements: Klebefallen, Raubmilben, Hygieneschleusen. Was häufig fehlt, ist die Strategie dahinter, also ein schriftlicher Plan, der festlegt, welche Risiken bestehen, ab wann gehandelt wird und wer was tut. Erst dieser Plan macht IPM wiederholbar, auch bei Personalwechsel oder in stressigen Erntephasen. Die vier Säulen des IPM im Überblick beschreibt unser Beitrag IPM für Großbetriebe. Hier geht es darum, daraus eine konkrete Strategie zu formen.

Schritt für Schritt zum IPM-Plan #

  1. Risiken erfassen

    Liste alle Wege auf, über die Schädlinge und Krankheiten in die Anlage gelangen können, und bewerte sie.

  2. Zielorganismen festlegen

    Bestimme die Schädlinge und Erreger, mit denen du realistisch rechnen musst.

  3. Schadschwellen definieren

    Lege für jeden Zielorganismus fest, ab welchem Befund welche Stufe greift.

  4. Reaktionsmatrix aufstellen

    Ordne jeder Stufe feste Maßnahmen zu.

  5. Wirkstoffwechsel planen

    Verhindere Resistenzen, indem Mittel und Wirkmechanismen nicht dauerhaft gleich bleiben.

  6. Kalender und Zuständigkeiten festlegen

    Wer kontrolliert wann, wer entscheidet, wer dokumentiert?

  7. Regelmäßig überprüfen

    Nach jedem Durchgang wird der Plan mit den Daten abgeglichen und angepasst.

Risikoanalyse: Woher kommen die Probleme? #

Die meisten Befälle lassen sich auf wenige Eintragswege zurückführen. Eine einfache Bewertung nach Wahrscheinlichkeit und Folgen hilft, Prioritäten zu setzen.

EintragswegTypische RisikenGegenmaßnahme
Neues PflanzenmaterialSpinnmilben, Thripse, Mehltau, ViroideQuarantäne, Eingangskontrolle, feste Lieferanten
Personal und BesucherSchädlinge an Kleidung, SporenSchleusen, Schutzkleidung, Laufwege
Zuluftfliegende Insekten, SporenInsektenschutzgitter, Filter
Substrat und WasserTrauermücken, Wurzelerregergeprüfte Chargen, saubere Tanks
Geräte und WerkzeugÜbertragung zwischen Räumenraumgebundene Werkzeuge, Desinfektion

Besonders wichtig ist Pflanzenmaterial von außen. Viele Betriebe verzichten deshalb bewusst auf Zukauf und vermehren ausschließlich aus eigenen, geprüften Mutterpflanzen.

Zielorganismen und Schadschwellen #

Nicht jeder Schädling hat dasselbe Gewicht. Eine Strategie konzentriert sich auf die Arten, die in der Anlage wahrscheinlich sind und großen Schaden anrichten. Typisch sind Spinnmilben, Thripse, Trauermücken, Blattläuse, Weiße Fliegen sowie Echter Mehltau und Grauschimmel.

Schadschwellen werden als Stufen formuliert. Die Zahlen sind betriebsspezifisch und sollten aus eigenen Daten abgeleitet werden. Ein Beispiel für die Struktur:

StufeBefundBedeutung
Grünkeine Funde oder vereinzelte Tiere auf Fallenvorbeugendes Programm läuft weiter
Gelbsteigende Fangzahlen oder erste Tiere an PflanzenKontrolle verdichten, Nützlinge punktuell verstärken
Rotsichtbare Kolonien, Schadbild, AusbreitungIsolation, gezielte Behandlung, Ursachenanalyse

Die Reaktionsmatrix #

Die Matrix verbindet Zielorganismus und Stufe mit einer konkreten Maßnahme. Sie verhindert, dass im Ernstfall improvisiert wird.

ZielorganismusStufe GelbStufe Rot
SpinnmilbenRaubmilben an Hotspots nachlegen, Luftfeuchte prüfenPflanzen isolieren, Raubmilben in hoher Dichte, verträgliches Mittel nach Plan
ThripseBlautafeln verdichten, Raubmilben ergänzenBodenraubmilben gegen Puppen, befallene Pflanzenteile entfernen
TrauermückenGießrhythmus anpassen, Substratoberfläche abtrocknen lassenNematoden oder Bti ins Substrat
Echter MehltauLuftfeuchte und Umluft anpassen, Blätter kontrollierenbefallene Blätter entfernen, zugelassene Maßnahme nach Plan

Die Details zu einzelnen Schädlingen findest du in unseren Ratgebern, etwa zu Thripsen oder Echtem Mehltau.

Resistenzen vorbeugen #

Werden immer wieder dieselben Wirkstoffe eingesetzt, überleben die widerstandsfähigsten Tiere und vermehren sich. Besonders Spinnmilben und Thripse entwickeln schnell Toleranzen. Eine Strategie legt deshalb fest:

  • Mittel mit unterschiedlichen Wirkmechanismen im Wechsel einsetzen, nie dasselbe Mittel mehrfach hintereinander.
  • Behandlungen nur bei Erreichen der Schwelle, nicht routinemäßig „zur Sicherheit“.
  • Biologische und mechanische Maßnahmen bevorzugen, weil gegen sie kaum Resistenzen entstehen.
  • Verträglichkeit mit den eingesetzten Nützlingen vorab prüfen.

Kalender und Zuständigkeiten #

Ein IPM-Plan wird erst wirksam, wenn er im Arbeitsalltag verankert ist. Bewährt hat sich ein Kalender, der den Anbauzyklus abbildet:

  • Vor dem Einräumen: Raum gereinigt und freigegeben, Fallen hängen, Klima stabil.
  • Stecklings- und Wachstumsphase: vorbeugende Nützlinge in festen Abständen, wöchentliches Scouting.
  • Frühe Blüte: letzter sinnvoller Zeitpunkt für Behandlungen, die später nicht mehr möglich sind.
  • Späte Blüte: nur noch Kontrolle, Klimaführung gegen Schimmel und das Entfernen befallener Pflanzenteile.
  • Nach der Ernte: Auswertung des Durchgangs, Reinigung, Aktualisierung des Plans.

Für jede Aufgabe gibt es eine verantwortliche Person und eine Vertretung. Entscheidungen auf Stufe Rot trifft eine festgelegte Rolle, nicht jeder Einzelne. Die Abläufe lassen sich gut in Standardarbeitsanweisungen festhalten.

Den Plan lebendig halten #

Ein IPM-Plan ist nie fertig. Nach jedem Durchgang wird ausgewertet, ob die Schwellen früh genug ausgelöst haben, welche Maßnahmen gewirkt haben und wo neue Eintragswege entstanden sind. Die Dokumentation aus Scouting, Fallen und Klimadaten liefert dafür die Grundlage.

Häufige Fragen #

Was ist der Unterschied zwischen IPM-Programm und IPM-Strategie?

Das Programm umfasst die einzelnen Maßnahmen wie Fallen, Nützlinge und Hygiene. Die Strategie legt fest, wie diese Maßnahmen gesteuert werden: nach welchen Risiken, Schwellenwerten und Zuständigkeiten.

Wie lege ich realistische Schadschwellen fest?

Beginne mit vorsichtigen Werten und passe sie anhand deiner eigenen Fang- und Scoutingdaten an. Nach einigen Durchgängen zeigt sich, bei welchen Werten ein Befall noch gut beherrschbar war und ab wann er außer Kontrolle geriet.

Lohnt sich eine IPM-Strategie auch im Heimgrow?

In vereinfachter Form ja. Schon eine Gelbtafel, ein wöchentlicher Blick unter die Blätter und eine klare Regel, was bei ersten Funden passiert, verhindern viele Probleme bei drei Pflanzen im Zelt.