Ein Gewächshaus fängt Sonnenlicht ein – aber nicht immer genug und nicht immer zur richtigen Zeit. Im Frühjahr und Herbst sind die Tage kurz und das Licht schwach, im Winter reicht es für Cannabis kaum aus. Zusatzlicht, im Englischen „Supplemental Lighting“, schließt diese Lücke. Dabei geht es um zwei grundverschiedene Aufgaben, die oft verwechselt werden: die Lichtmenge erhöhen und die Tageslänge steuern. Für beide gelten ganz andere Anforderungen an Lampen und Leistung.

Aufgabe 1: Lichtmenge ergänzen #

Pflanzen wachsen umso besser, je mehr nutzbares Licht sie über den Tag erhalten. Diese Tagessumme heißt DLI (Daily Light Integral) und wird in mol/m²/Tag angegeben. Als grobe Richtwerte für Cannabis gelten:

PhaseDLI-Richtwert
Keimling, Steckling10–20 mol/m²/Tag
Wachstumsphase20–35 mol/m²/Tag
Blüte30–45 mol/m²/Tag

Das natürliche Licht in Mitteleuropa schwankt enorm: An klaren Sommertagen liegt der Außen-DLI deutlich über 40 mol/m²/Tag, im Winter oft nur im einstelligen Bereich. Im Gewächshaus kommt davon je nach Material und Verschmutzung nur ein Teil an – bei Glas und Polycarbonat grob 60–85 %. Im Hochsommer braucht Cannabis im Gewächshaus deshalb kein Zusatzlicht, im Frühjahr, Herbst und Winter dagegen schnell.

So ermittelst du den Bedarf #

  1. Licht messen

    Mit einem PAR-Messgerät an mehreren Tagen zu verschiedenen Uhrzeiten auf Pflanzenhöhe messen. Einige Geräte berechnen den DLI direkt.

  2. Lücke berechnen

    Ziel-DLI minus gemessener DLI ergibt die fehlende Menge.

  3. Leistung ableiten

    Die fehlende Menge wird über Intensität und Dauer ergänzt. Ein Beispiel: Fehlen 10 mol/m²/Tag und die Lampe läuft 5 Stunden, braucht sie auf Pflanzenhöhe etwa 555 µmol/m²/s (10.000.000 ÷ 5 ÷ 3600).

  4. Wetter einplanen

    An trüben Tagen ist die Lücke größer. Eine sensorgesteuerte Lampe gleicht das automatisch aus.

Aufgabe 2: Tageslänge steuern #

Photoperiodische Cannabis-Sorten richten ihre Entwicklung an der Länge der Dunkelphase aus. Werden die Nächte lang genug, beginnen sie zu blühen. Im Gewächshaus kann das zum Problem werden: Pflanzen, die im März oder April starten, erleben Tage von unter 13 Stunden und gehen eventuell vorzeitig in die Blüte, bevor sie genug Größe erreicht haben. Wie dieser Mechanismus funktioniert, beschreibt der Lexikoneintrag Photoperiodismus bei Cannabis.

Für die Tageslängensteuerung reicht deutlich weniger Licht als für die Photosynthese. Zwei Methoden sind üblich:

  • Tagesverlängerung: Die Lampen laufen vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang, bis insgesamt 16–18 Stunden Licht erreicht sind.
  • Nachtunterbrechung: Eine kurze Lichtphase mitten in der Nacht teilt die Dunkelphase in zwei kurze Abschnitte. Diese Methode ist im Zierpflanzenbau verbreitet und wird auch bei Cannabis angewendet; wie viel Licht und Dauer nötig sind, hängt von der Sorte ab, verlässliche Zahlen gibt es dafür nur wenige.

Für reine Tageslängensteuerung genügen oft schwache Lampen mit niedriger Intensität. Wer gleichzeitig die Lichtmenge erhöhen will, kombiniert beides: Die Zusatzlampen laufen morgens und abends mit hoher Leistung.

Das Gegenstück ist die Lichtdeprivation: Dabei wird das Gewächshaus im Sommer abgedunkelt, um die Blüte früher auszulösen. Mehr dazu im Glossar Light Deprivation.

Welche Lampen eignen sich? #

LampentypEignung im Gewächshaus
LED-Balken oder -Panelssehr gut: effizient, wenig Wärme, schmal – werfen kaum Schatten
Natriumdampflampen (NDL)klassisch im Gartenbau, erzeugen Wärme, die im Winter willkommen sein kann
Einfache LED-Strahler geringer Leistungnur für Tageslängensteuerung

Bei der Auswahl zählt, dass die Lampen wenig Sonnenlicht blockieren. Schmale LED-Balken sind hier klar im Vorteil gegenüber großflächigen Panels. Feuchtigkeit und Kondenswasser erfordern eine passende Schutzart; für feuchte Umgebungen gelten Lampen mit mindestens IP65 als sinnvoll.

Steuerung: Zeitplan oder Sensor? #

  • Fester Zeitplan: Die Lampen laufen zu festen Zeiten, etwa zwei Stunden morgens und abends. Einfach, aber an sonnigen Tagen verschwenderisch und an trüben Tagen zu knapp.
  • Lichtsensor mit Schwellwert: Die Lampe schaltet zu, wenn das Sonnenlicht unter einen Grenzwert fällt.
  • DLI-Steuerung: Ein Controller summiert das natürliche Licht über den Tag und ergänzt am Abend genau die fehlende Menge. Das ist die effizienteste Lösung, aber technisch aufwendiger.

Zusatzlicht und Saisonplanung #

Zusatzlicht ist kein Ersatz für einen vollwertigen Indoor-Grow, sondern ein Werkzeug, um die Saison zu verlängern. Typische Einsatzszenarien:

  • Jungpflanzen im Frühjahr früher ins Gewächshaus bringen, ohne dass sie vorzeitig blühen
  • Die Blüte im Herbst bei schwindendem Licht besser ausreifen lassen
  • Mutterpflanzen oder Stecklinge im Winter im Gewächshaus halten

Wie du die Gewächshaussaison insgesamt nach vorne und hinten verlängerst, beschreibt der Ratgeber Saisonverlängerung im Gewächshaus.

Typische Fehler #

  • Zu schwach geplant: Eine Lampe, die im Indoor-Grow eine kleine Box versorgt, reicht nicht für eine große Gewächshausfläche.
  • Blüte versehentlich verhindert: Wer die Zusatzbeleuchtung im Herbst weiterlaufen lässt, verzögert die Blüte oder verhindert sie ganz.
  • Streulicht übersehen: Straßenlaternen oder Außenbeleuchtung können die Dunkelphase ebenfalls stören.
  • Nachbarn vergessen: Leuchtende Gewächshäuser in der Nacht fallen auf. Verdunkelungsvorhänge an den Seiten halten das Licht innen.

Häufige Fragen #

Brauche ich im Sommer Zusatzlicht im Gewächshaus?

In der Regel nicht. Zwischen Mai und August liefert die Sonne in Mitteleuropa an den meisten Tagen genug Licht. Zusatzlicht wird im Frühjahr, Herbst und Winter relevant.

Wie viele Stunden Zusatzlicht verhindern die Blüte?

Wenn die Gesamtlichtdauer aus Tageslicht und Zusatzlicht bei etwa 16–18 Stunden liegt, bleiben photoperiodische Pflanzen in der Regel in der Wachstumsphase. Die genaue Schwelle ist sortenabhängig.

Kann ich Autoflower im Gewächshaus mit Zusatzlicht anbauen?

Ja. Autoflower blühen unabhängig von der Tageslänge. Zusatzlicht dient bei ihnen nur dazu, die Lichtmenge zu erhöhen, was besonders in lichtarmen Monaten den Ertrag verbessert.