Temperatur und Luftfeuchte werden im Grow oft getrennt betrachtet. Für die Pflanze zählt aber das Zusammenspiel: Wie viel Wasser zieht die Luft aus den Blättern? Genau das beschreibt das Dampfdruckdefizit, kurz VPD (Vapor Pressure Deficit). Wer es versteht, kann das Klima in jeder Phase gezielt einstellen, statt nach Bauchgefühl zu regeln.

Eine kompakte Begriffsklärung liefert der Lexikonartikel Was bedeutet VPD beim Cannabis-Grow?. Hier geht es tiefer: Theorie, Rechnung, Werte, Messung, Steuerung und Fehlersuche.

Die Theorie hinter VPD #

Luft kann je nach Temperatur nur eine bestimmte Menge Wasserdampf aufnehmen. Diese Obergrenze heißt Sättigungsdampfdruck. Warme Luft kann deutlich mehr Wasser halten als kalte. Die relative Luftfeuchte gibt an, wie viel Prozent dieser Obergrenze bereits erreicht sind.

Im Inneren eines Blattes ist die Luft praktisch gesättigt. Zwischen dem Blattinneren und der umgebenden Luft entsteht deshalb ein Druckunterschied – das Dampfdruckdefizit. Je größer es ist, desto stärker saugt die Luft Wasser aus den Spaltöffnungen.

  • VPD zu niedrig: Die Luft ist nahezu gesättigt. Die Pflanze verdunstet wenig, transportiert weniger Nährstoffe, und Schimmel hat leichtes Spiel.
  • VPD zu hoch: Die Luft ist trocken. Die Pflanze verliert viel Wasser, schließt zum Schutz die Spaltöffnungen und wächst langsamer.
  • VPD im Zielbereich: Die Pflanze verdunstet gleichmäßig, nimmt Wasser und Nährstoffe gut auf und die Photosynthese läuft effizient.

VPD berechnen #

Für die Berechnung brauchst du den Sättigungsdampfdruck (SVP). Eine gängige Näherungsformel lautet:

SVP (kPa) = 0,6108 × e^(17,27 × T / (T + 237,3))

Daraus ergibt sich:

VPD = SVP bei Blatttemperatur − SVP bei Lufttemperatur × relative Luftfeuchte / 100

Warum die Blatttemperatur zählt #

Viele Online-Rechner verwenden nur die Lufttemperatur. Blätter sind aber selten genauso warm wie die Luft. Unter LED-Lampen liegen sie oft 1 bis 3 °C unter der Lufttemperatur, weil LEDs weniger Infrarotstrahlung abgeben als Natriumdampflampen. Unter NDL können Blätter dagegen wärmer sein als die Luft.

Beispiel: Luft 25 °C, 60 % rF, Blatt 23 °C

  • SVP bei 25 °C: etwa 3,17 kPa
  • SVP bei 23 °C: etwa 2,81 kPa
  • VPD = 2,81 − 3,17 × 0,60 = etwa 0,91 kPa

Ohne Blatttemperatur käme die Rechnung auf etwa 1,27 kPa – ein deutlicher Unterschied, der zu falschen Entscheidungen führt.

VPD-Werte pro Phase #

Die folgenden Zielbereiche sind gängige Richtwerte aus der Grow-Praxis. Sorte, Licht und CO2-Gehalt verschieben das Optimum leicht.

PhaseVPD (Richtwert)Typische Kombination
Stecklinge und Keimlinge0,4 bis 0,8 kPa22 bis 25 °C, 70 bis 80 % rF
Vegetative Phase0,8 bis 1,2 kPa23 bis 27 °C, 55 bis 65 % rF
Frühe Blüte (Woche 1 bis 4)1,0 bis 1,4 kPa23 bis 27 °C, 50 bis 60 % rF
Späte Blüte (ab Woche 5)1,2 bis 1,6 kPa21 bis 26 °C, 40 bis 50 % rF

In der Vegi-Phase liegt der Fokus auf kräftigem Blattwachstum. Ein moderater VPD um 1,0 kPa sorgt für ausreichend Transpiration, ohne die jungen Pflanzen zu stressen. In der späten Blüte schützt ein höherer VPD – also trockenere Luft – vor Knospenfäule in dichten Blüten.

Schnelltabelle: VPD bei 2 °C kühleren Blättern #

Die Werte gelten für eine Blatttemperatur, die 2 °C unter der Lufttemperatur liegt, wie es unter LEDs häufig der Fall ist.

Lufttemperatur50 % rF55 % rF60 % rF65 % rF70 % rF
22 °C1,020,880,750,620,49
25 °C1,231,070,910,750,59
28 °C1,471,281,090,900,71

Eine ausführlichere Tabelle mit mehr Temperaturstufen findest du im Beitrag VPD in der Growbox: Tabelle und Zielwerte je Phase.

Messung #

Für einen belastbaren VPD brauchst du drei Werte:

  1. Lufttemperatur

    auf Höhe der Pflanzenspitzen messen, nicht am Boden oder direkt unter der Lampe.

  2. Relative Luftfeuchte

    mit einem Hygrometer auf derselben Höhe. Billige Geräte weichen oft um 5 % rF und mehr ab – ein Abgleich mit einem zweiten Gerät lohnt sich.

  3. Blatttemperatur

    mit einem Infrarot-Thermometer auf die Blattoberseite eines gut beleuchteten Blattes zielen. Mehrere Blätter messen und den Mittelwert nehmen.

Miss während der Lichtphase, nachdem die Lampe mindestens eine Stunde läuft. Die Nachtwerte weichen ab und sind für die Transpiration weniger entscheidend.

Steuerung #

VPD steuerst du über zwei Stellschrauben: Temperatur und Luftfeuchte.

VPD senken (Luft zu trocken):

  • Luftbefeuchter einsetzen
  • Abluftleistung reduzieren, damit weniger feuchte Luft abgesaugt wird
  • Temperatur leicht senken
  • Offene Wasserflächen vermeiden – sie sind schwer zu kontrollieren und fördern Keime

VPD erhöhen (Luft zu feucht):

  • Abluftleistung erhöhen
  • Luftentfeuchter einsetzen, besonders in der Blüte
  • Temperatur leicht anheben
  • Umluft verbessern, damit sich an den Blättern keine feuchte Grenzschicht bildet

Ein Klimacontroller, der Abluft, Befeuchter und Entfeuchter nach Sollwerten schaltet, nimmt dir die Arbeit ab. Wie du die Werte in der Praxis einstellst, beschreibt die Anleitung: VPD-Werte richtig einstellen.

Troubleshooting #

SymptomMögliche VPD-UrsacheMaßnahme
Blätter hängen schlaff, Erde ist feuchtVPD zu niedrig, Transpiration stocktAbluft erhöhen, entfeuchten
Blattränder rollen sich nach oben, Blätter wirken wie TacosVPD zu hoch, oft kombiniert mit Hitzebefeuchten, Temperatur senken, Lampe dimmen
Braune Blattspitzen trotz normaler Düngunghoher VPD steigert Wasser- und NährsalzaufnahmeVPD senken, EC prüfen
Grauschimmel in dichten BlütenVPD in der späten Blüte zu niedrigLuftfeuchte auf 40 bis 50 % senken
Stecklinge welkenVPD zu hoch für wurzellose PflanzenHaube verwenden, Luftfeuchte 75 bis 85 %

Häufige Fragen #

Welcher VPD ist in der Vegi-Phase ideal?

Als Richtwert gelten 0,8 bis 1,2 kPa. Das entspricht zum Beispiel 25 °C Lufttemperatur bei etwa 55 bis 60 % Luftfeuchte, wenn die Blätter unter LED rund 2 °C kühler sind.

Muss ich VPD genau einhalten?

Nein. VPD ist ein Orientierungswert, kein Grenzwert. Kurzzeitige Abweichungen verkraften gesunde Pflanzen problemlos. Wichtig ist, dass der Wert über den Tag überwiegend im Zielbereich liegt und keine Extreme auftreten.

Brauche ich ein Infrarot-Thermometer?

Für den Anfang reicht es, die Blatttemperatur unter LED mit 1 bis 2 °C unter der Lufttemperatur anzunehmen. Wer genauer arbeiten will, misst einmal mit einem Infrarot-Thermometer nach und kennt dann den Unterschied für sein Setup.

Was ist wichtiger: Temperatur oder Luftfeuchte?

Beide gehören zusammen. Die Temperatur solltest du zuerst in einen sinnvollen Bereich bringen, meist 22 bis 28 °C. Anschließend steuerst du den VPD über die Luftfeuchte, weil sie sich leichter anpassen lässt.