Die Grundidee von Low Stress Training ist schnell erklärt: Den Haupttrieb herunterbinden, damit die Seitentriebe aufholen. Der Unterschied zwischen einem ordentlichen und einem wirklich guten Ergebnis liegt aber in den Details – im Timing, im Rhythmus der Korrekturen und darin, wie du die Pflanze über Wochen gezielt in eine Form bringst. Diese Masterclass setzt voraus, dass du die Grundlagen kennst. Falls nicht, starte mit der Anleitung: LST bei Cannabis durchführen.

Das Ziel: ein flaches, gleichmäßiges Blätterdach #

LST nutzt die sogenannte Apikaldominanz: Die höchste Triebspitze bildet Wachstumshormone, die das Wachstum der tieferen Triebe bremsen. Wird die Spitze auf die Höhe der Seitentriebe gebracht, verliert sie diesen Vorsprung. Alle Triebe wachsen dann ähnlich schnell und bilden später gleichwertige Blütenstände.

Das eigentliche Ziel ist also nicht „möglichst viel biegen“, sondern ein ebenes Blätterdach, in dem jede Triebspitze ähnlich viel Licht bekommt. Bei LED-Lampen ist die Lichtintensität in der Mitte meist höher als am Rand. Ein flaches Dach mit gleichmäßig verteilten Spitzen nutzt diese Fläche am besten aus.

Timing: Wann welcher Schritt sinnvoll ist #

Zeitpunkt (Richtwert)MaßnahmeHinweis
4. bis 5. Nodium, etwa 3 bis 4 Wochen nach Keimungerstes Herunterbinden des HaupttriebsStängel ist noch flexibel
alle 2 bis 3 Tage in der WachstumsphaseNachjustieren, neue Spitzen nach außen führenkleine Korrekturen statt großer Eingriffe
1 bis 2 Wochen vor der BlüteumstellungDach einebnen, Lücken schließenStretch einplanen
erste 2 bis 3 Wochen der BlüteStretch lenken, hochschießende Triebe nach außen bindendanach verholzen die Triebe
ab Blütewoche 4kein aktives LST mehrnur noch stützen

Bei Autoflowers ist das Zeitfenster kürzer. Hier beginnst du früher, etwa ab dem 3. Nodium, und hörst spätestens mit dem Einsetzen der Blüte auf, größere Biegungen vorzunehmen.

Werkzeuge für präzises LST #

  • Gummibeschichteter Pflanzendraht: Lässt sich beliebig oft neu befestigen und schneidet nicht ein.
  • Pflanzenclips mit Scharnier: Praktisch für kurze Korrekturen an Seitentrieben.
  • Befestigungspunkte am Topf: Kleine Löcher im Topfrand oder Haken am Stoffsack. Bei Stofftöpfen reichen oft Büroklammern oder Kabelbinderösen.
  • Softe Pflanzenbinder: Breite Bänder verteilen den Zug auf eine größere Fläche.
  • Weiche Klebebänder: Für kleine Risse beim Biegen.

Vermeide dünnen, unbeschichteten Draht und Kabelbinder direkt am Trieb. Beides kann einschnüren, sobald der Stängel dicker wird.

Fortgeschrittene Biegetechniken #

Horizontales Umlenken #

Der Haupttrieb wird nicht nur herabgebogen, sondern waagerecht um den Topf herumgeführt. Die Spitze zeigt dabei immer nach außen. Alle entlang des Haupttriebs austreibenden Seitentriebe richten sich zum Licht auf und werden so zu eigenständigen Spitzen. Diese Technik eignet sich besonders für runde Töpfe in quadratischen Boxen.

Sternform #

Die Seitentriebe werden gleichmäßig wie die Speichen eines Rades vom Zentrum weg nach außen gebunden. Die Mitte bleibt frei, damit Licht und Luft auch die unteren Bereiche erreichen. Das Ergebnis ist eine kreisrunde, flache Krone.

Führen einzelner Spitzen #

Eine Triebspitze, die über das Dach hinauswächst, wird nicht gekürzt, sondern zur Seite geführt und in eine Lücke gelegt. So füllst du leere Stellen, ohne Blütenstände zu opfern. Sanftes Biegen etwa zwei bis drei Zentimeter unter der Spitze reicht meist aus.

Leaf Tucking als Ergänzung #

Große Fächerblätter, die tiefer liegende Spitzen beschatten, werden nicht entfernt, sondern unter benachbarte Triebe gesteckt. Das nennt man Leaf Tucking. Die Blätter bleiben als Energielieferant erhalten, und das Licht erreicht trotzdem die unteren Triebe.

Schritt für Schritt: eine Trainingsrunde #

  1. Pflanze beurteilen

    Betrachte die Pflanze von oben. Welche Spitzen stehen zu hoch, wo sind Lücken?

  2. Zur richtigen Tageszeit arbeiten

    Biege in den ersten Stunden der Lichtphase oder nach dem Gießen nicht, wenn die Triebe prall mit Wasser gefüllt und spröder sind. Leicht angetrocknete Pflanzen am späteren Nachmittag der Lichtphase sind biegsamer.

  3. Stängel vorwärmen

    Rolle den Trieb vor dem Biegen einige Sekunden zwischen Daumen und Zeigefinger. Das macht das Gewebe geschmeidiger.

  4. In kleinen Winkeln biegen

    Lieber 30 Grad heute und weitere 30 Grad in zwei Tagen als 90 Grad auf einmal.

  5. Fixieren

    Binde den Trieb so, dass der Zug gleichmäßig verteilt ist. Die Befestigung sitzt an verholztem Gewebe, nicht an der weichen Spitze.

  6. Kontrollieren

    Nach 12 bis 24 Stunden richten sich die Spitzen zum Licht auf. Das ist das Signal für die nächste Korrektur.

Recovery-Management #

LST gilt als stressarm, ist aber nicht stressfrei. Jede Biegung kostet die Pflanze etwas Energie. Mit gutem Recovery-Management bleibt das Wachstum ungebremst:

  • Stabiles Klima: Richtwerte von 22 bis 28 °C und 55 bis 70 % rF in der Wachstumsphase unterstützen die Regeneration.
  • Keine Doppelbelastung: Führe größere Biegungen nicht am selben Tag wie Umtopfen, Topping oder eine Düngerumstellung durch.
  • Auf Hängen achten: Wenn Blätter nach dem Binden mehr als einen Tag schlaff hängen, war der Zug zu stark. Löse die Befestigung etwas.
  • Risse versorgen: Knickt ein Trieb ein, fixiere die Stelle sofort mit Klebeband. Solange der Trieb nicht vollständig durchgebrochen ist, verheilt er meist innerhalb weniger Tage und bildet einen kräftigen Knoten.

LST mit Topping kombinieren #

LST und Topping ergänzen sich sehr gut. Durch das Entfernen der Hauptspitze entstehen zwei neue Haupttriebe, die du anschließend per LST auseinanderziehst. So entsteht früh eine symmetrische Grundstruktur. Ein bewährter Ablauf:

  1. Topping am 5. oder 6. Nodium

    Die Spitze wird oberhalb eines Nodiums entfernt. Details dazu im Ratgeber Topping bei Cannabis.

  2. Drei bis fünf Tage Erholung

    In dieser Zeit wird nicht gebogen.

  3. Neue Haupttriebe spreizen

    Die beiden neuen Spitzen werden flach nach links und rechts gebunden.

  4. Seitentriebe nachführen

    Die austreibenden Seitentriebe werden wie beim klassischen LST nach außen geführt.

Bei Autoflowers ist Topping umstritten, weil die verlorene Erholungszeit nicht nachgeholt werden kann. Reines LST ist hier die sicherere Wahl.

Typische Fehler von Fortgeschrittenen #

  • Zu viele Spitzen: Mehr Triebe bedeuten nicht automatisch mehr Ertrag. Bei kleiner Fläche und schwacher Lampe bleiben viele Blüten klein und locker.
  • Unteren Bereich nicht ausgelichtet: Kleine Triebe unter dem Dach bekommen kaum Licht und rauben Energie. Entferne sie vor der Blüte.
  • Stretch unterschätzt: Viele Sorten verdoppeln in der frühen Blüte ihre Höhe. Plane das Dach in der Wachstumsphase entsprechend flacher.

Häufige Fragen #

Wie viele Triebspitzen sind sinnvoll?

Das hängt von Fläche und Lichtleistung ab. Als grober Richtwert gelten 8 bis 16 kräftige Spitzen pro Pflanze in einer 80×80-Box mit drei Pflanzen als gut handhabbar.

Kann ich LST noch in der Blüte machen?

In den ersten zwei bis drei Blütewochen ja, solange die Triebe biegsam sind. Später führt Biegen eher zu Brüchen und bringt wenig.

Verlängert LST die Wachstumsphase?

Kaum, wenn du rechtzeitig beginnst. Viele Grower verlängern die Wachstumsphase aber bewusst um ein bis zwei Wochen, um das Dach vollständig auszufüllen.

Fazit #

Gutes LST ist kein einmaliges Herunterbinden, sondern eine Routine aus vielen kleinen Korrekturen. Wer früh beginnt, in kleinen Winkeln biegt, der Pflanze Erholungszeit lässt und den Stretch einplant, bekommt ein flaches Blätterdach mit gleichmäßig großen Blütenständen.