Eine unbehandelte Cannabispflanze wächst wie ein Weihnachtsbaum: ein dominanter Haupttrieb in der Mitte, darunter kleinere Seitentriebe, die im Schatten bleiben. Unter einer Lampe mit begrenzter Reichweite verschenkt das viel Potenzial. Beim Low Stress Training, kurz LST, biegst du den Haupttrieb und später die Seitentriebe sanft nach außen und fixierst sie. So entsteht eine flache Krone, in der viele Triebspitzen gleich viel Licht bekommen. Der Begriff ist im Lexikoneintrag LST kurz erklärt; hier folgt die praktische Umsetzung.

Warum LST sich lohnt #

  • Mehr Hauptblüten: Statt einer dicken Spitze entwickeln sich mehrere gleichwertige Blütentriebe.
  • Bessere Lichtausbeute: Alle Spitzen liegen auf einer Höhe und nahe am optimalen Lampenabstand.
  • Flacheres Wachstum: Wichtig in Growboxen mit begrenzter Höhe.
  • Wenig Stress: Anders als beim Schneiden gibt es keine Wunden. Die Pflanze wächst ohne Pause weiter.
  • Auch für Autoflowers geeignet: Weil LST kaum Erholungszeit braucht, eignet es sich auch für Sorten mit kurzer Wachstumsphase.

Der Grund für die Wirkung ist die sogenannte Apikaldominanz: Der höchste Trieb unterdrückt über Pflanzenhormone das Wachstum der Seitentriebe. Wird er nach unten gebogen, verlieren seine Signale an Kraft, und die Seitentriebe holen auf.

Das brauchst du #

  • Weichen, ummantelten Bindedraht oder Pflanzenbinder mit Gummi- oder Kunststoffhülle
  • Alternativ spezielle LST-Clips oder Pflanzenklammern
  • Töpfe mit Rand, an dem sich Bindestellen befestigen lassen, oder eine Bohrmaschine für kleine Löcher im Topfrand
  • Bei Stoff-Töpfen: Haken oder kleine Klammern
  • Optional: Heringe oder Haken zum Einstecken in das Substrat

Der richtige Zeitpunkt #

LST beginnt, sobald der Stamm biegsam genug und die Pflanze kräftig genug ist. Als Richtwert gilt das Stadium mit vier bis sechs Nodien, meist in der dritten bis vierten Woche nach der Keimung. Bei Autoflowers startest du etwas früher, etwa mit drei bis vier Nodien.

Gebogen wird während der gesamten Wachstumsphase. In den ersten zwei Wochen der Blüte, wenn die Pflanze stark in die Höhe schießt, kannst du noch Feinjustierungen vornehmen. Danach werden die Triebe spröder, und die Pflanze sollte ihre Energie in die Blüten stecken.

LST Schritt für Schritt #

  1. Pflanze vorbereiten

    Gieße die Pflanze einige Stunden vorher nicht. Leicht welke Stängel am Nachmittag lassen sich besser biegen als prall gefüllte.

  2. Haupttrieb biegen

    Fasse den Haupttrieb unterhalb der Spitze und biege ihn langsam zur Seite, bis er etwa waagerecht über dem Topfrand liegt. Führe die Bewegung am Stamm entlang und knicke nichts.

  3. Fixieren

    Binde den Trieb mit dem gepolsterten Draht locker am Topfrand fest. Die Schlaufe soll halten, nicht quetschen.

  4. Pflanze drehen

    Richte die Pflanze so aus, dass der gebogene Trieb in eine freie Richtung zeigt. Plane, in welche Richtungen die weiteren Triebe wachsen sollen.

  5. Seitentriebe beobachten

    Nach wenigen Tagen richten sich Seitentriebe nach oben zum Licht aus. Wächst einer höher als die anderen, biegst du ihn ebenfalls nach außen.

  6. Spitze wieder aufrichten lassen

    Die Triebspitze des Haupttriebs richtet sich nach ein bis zwei Tagen nach oben. Das ist normal. Biege sie erneut, wenn sie über die übrigen Spitzen hinauswächst.

  7. Regelmäßig nachjustieren

    Alle zwei bis drei Tage kontrollieren und Bindestellen versetzen. Ziel ist eine flache, gleichmäßige Fläche aus Triebspitzen.

LST mit Topping kombinieren #

LST und Topping ergänzen sich gut. Beim Topping wird die Spitze des Haupttriebs entfernt, sodass zwei neue Haupttriebe entstehen. Anschließend werden diese beiden Triebe mit LST nach außen geleitet. So entsteht schnell eine symmetrische Struktur mit vier, acht oder mehr Spitzen.

  • Reihenfolge: zuerst toppen, zwei bis vier Tage erholen lassen, dann mit LST beginnen.
  • Bei Autoflowers: Topping ist umstritten, weil die Erholungszeit von der kurzen Wachstumsphase abgeht. Viele Grower setzen hier nur auf LST.

Wie das Toppen selbst funktioniert, erklärt die Anleitung zum Toppen. Wer die Krone noch gleichmäßiger formen möchte, kann LST mit einem SCROG-Netz fortsetzen. Fortgeschrittene Varianten zeigt die LST-Masterclass.

Häufige Fehler beim LST #

  • Zu spät beginnen: Verholzte Stämme lassen sich kaum noch biegen und brechen leicht.
  • Zu stark auf einmal: Wer einen Trieb im rechten Winkel knickt, riskiert Brüche. Lieber in mehreren Schritten biegen.
  • Bindestellen vergessen: Draht schneidet mit wachsendem Stamm ein und behindert den Saftstrom.
  • Nur den Haupttrieb trainieren: Die Seitentriebe wachsen sonst ungleichmäßig nach oben.
  • Zu dichte Krone: Wenn viele Triebe eng nebeneinander liegen, entstehen feuchte, schlecht belüftete Zonen. Kleine, schwache Triebe im unteren Bereich können entfernt werden.
  • In der späten Blüte biegen: Ab der dritten Blütewoche bringt LST kaum Nutzen und belastet die Pflanze.

Häufige Fragen #

Wie viel Mehrertrag bringt LST?

Das lässt sich nicht pauschal beziffern. Viele Grower berichten von spürbar mehr Ertrag, weil mehr Triebspitzen im optimalen Licht stehen. Der Effekt ist besonders groß in Boxen mit wenig Höhe und einer Lampe mit begrenzter Ausleuchtung.

Kann ich LST in der Blüte machen?

In den ersten ein bis zwei Wochen der Blüte ja, um den Stretch zu lenken. Danach sollte die Krone fertig geformt sein. Späte Eingriffe stören die Blütenbildung.

Wie lange dauert es, bis sich die Pflanze erholt?

Beim LST gibt es praktisch keine Erholungszeit. Die gebogenen Triebe richten ihre Blätter innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen neu zum Licht aus und wachsen normal weiter.

Ist LST für Autoflowers geeignet?

Ja, LST ist die bevorzugte Trainingsmethode für Autoflowers, weil es das Wachstum nicht unterbricht. Beginne früh und arbeite in kleinen Schritten.