Cannabis wächst von Natur aus wie ein Weihnachtsbaum: ein dominanter Haupttrieb, darunter kürzere Seitentriebe. Unter einer Lampe ist das ungünstig, denn das Licht nimmt mit dem Abstand schnell ab. Trainingstechniken lösen dieses Problem, indem sie die Pflanze in die Breite lenken oder die Zahl der Pflanzen erhöhen. Welche Methode passt, hängt von Platz, Zeit, Sorte und Erfahrung ab.
Die vier Methoden im Kurzporträt #
LST – Low Stress Training #
Beim LST biegst und bindest du Triebe schonend nach unten und zur Seite, ohne Gewebe zu verletzen. Die Spitze des Haupttriebs verliert dadurch ihre Vormachtstellung, die Seitentriebe holen auf. Das Prinzip dahinter heißt Apikaldominanz. LST eignet sich für jede Pflanze, auch für Autoflower, weil es kaum Erholungszeit kostet. Die Schritt-für-Schritt-Umsetzung zeigt die LST-Anleitung.
HST – High Stress Training #
HST umfasst alle Techniken, die Pflanzengewebe gezielt verletzen: Topping, Fimming, Supercropping oder Monster Cropping. Die Pflanze reagiert mit mehr Haupttrieben und kräftigerem Gewebe, braucht aber jedes Mal einige Tage Erholung. Weil jeder Eingriff Stress bedeutet, sollte die Pflanze gesund und kräftig sein.
SCROG – Screen of Green #
Beim SCROG spannst du ein Netz waagerecht über die Pflanzen und leitest alle Triebe darin in die Breite. Das Ergebnis ist ein flaches, gleichmäßiges Blätterdach, in dem viele Blütenspitzen gleich nah am Licht stehen. SCROG ist ideal für wenige Pflanzen auf viel Fläche, verlangt aber eine lange vegetative Phase und regelmäßige Pflege. Mehr dazu im Ratgeber SCROG-Methode für Cannabis erklärt.
SOG – Sea of Green #
SOG geht den umgekehrten Weg: viele kleine Pflanzen, meist aus Stecklingen, die nach sehr kurzer Wachstumsphase in die Blüte gehen. Jede Pflanze bildet im Wesentlichen nur eine große Hauptblüte. Der Vorteil ist Tempo, der Nachteil die hohe Pflanzenzahl. Wie das Setup funktioniert, erklärt der Beitrag SOG-Methode für Cannabis erklärt.
Ein klassisches SOG arbeitet mit etwa 9 bis 16 Pflanzen pro Quadratmeter. Im legalen Eigenanbau in Deutschland sind am Wohnsitz höchstens drei Pflanzen je erwachsener Person erlaubt. Ein echtes SOG ist damit für die meisten Haushalte nicht umsetzbar. Das Prinzip „kurze Wachstumsphase, frühes Umstellen“ lässt sich aber auf drei Pflanzen übertragen.
Direkter Vergleich #
| Kriterium | LST | HST | SCROG | SOG |
|---|---|---|---|---|
| Stress für die Pflanze | gering | hoch, mit Erholungsphasen | gering bis mittel | gering |
| Zeitaufwand | mittel, laufend | gering, punktuell | hoch, täglich in Spitzenzeiten | gering pro Pflanze |
| Vegetative Phase | normal | etwas länger | lang (Netz füllen) | sehr kurz |
| Pflanzenzahl | beliebig | beliebig | 1 bis wenige | viele |
| Für Autoflower | gut geeignet | nur sehr vorsichtig | bedingt | bedingt |
| Skill-Level | Einsteiger | Fortgeschritten | Fortgeschritten | Fortgeschritten |
| Gleichmäßigkeit des Blätterdachs | gut | gut | sehr gut | gut |
Pro und Contra im Detail #
LST #
- Pro: kaum Wachstumsstopp, fehlertolerant, keine Spezialausrüstung außer Draht oder Pflanzenbinder
- Contra: braucht über Wochen regelmäßiges Nachjustieren; die Bindungen können einschneiden, wenn man sie vergisst
HST #
- Pro: schnelle, deutliche Formänderung, dickere Stängel, gut kombinierbar
- Contra: Erholungszeit von drei bis sieben Tagen je Eingriff; Fehler lassen sich nicht rückgängig machen; in der Blüte riskant
SCROG #
- Pro: maximale Nutzung der Lichtfläche mit wenigen Pflanzen, gleich große Blüten, wenig Popcorn-Buds
- Contra: Pflanzen sind am Netz fixiert und lassen sich kaum noch umstellen; lange Vorlaufzeit; Kontrolle unter dem Netz ist mühsam
SOG #
- Pro: kurze Zyklen, einfache Pflanzenpflege, planbare Ernten
- Contra: braucht viele genetisch einheitliche Pflanzen, meist von einer Mutterpflanze; rechtlich im Eigenanbau kaum umsetzbar
Platzanforderungen #
Für die Wahl der Methode ist das Verhältnis von Fläche zu Pflanzenzahl entscheidend.
- Kleine Box (60 × 60 cm) mit einer Pflanze: LST oder SCROG, um die gesamte Fläche zu füllen
- Mittlere Box (80 × 80 bis 100 × 100 cm) mit zwei bis drei Pflanzen: Topping plus LST, optional ein Netz als Stütze
- Niedrige Boxen oder Schränke: SCROG oder frühes Umstellen, damit die Pflanzen nicht an die Lampe wachsen
- Autoflower: LST in den ersten drei bis vier Wochen, auf harte Eingriffe weitgehend verzichten
Ertragspotenzial #
Seriöse Ertragsvergleiche zwischen den Methoden gibt es kaum, zu viele Faktoren spielen hinein: Sorte, Licht, Klima und Erfahrung. Grundsätzlich gilt: Der Ertrag steigt vor allem dann, wenn die Lichtfläche vollständig und gleichmäßig genutzt wird. Eine gut trainierte Pflanze, die die Box füllt, bringt in der Regel mehr als eine untrainierte. Ob du die Fläche mit LST, SCROG oder Topping erreichst, ist zweitrangig. Wichtiger ist, dass das Blätterdach eben ist und im Inneren keine schattigen Zonen mit kleinen, luftigen Blüten entstehen.
Bewährte Kombinationen #
Die Methoden schließen sich nicht aus. In der Praxis kombinieren die meisten Grower zwei oder drei Techniken.
Topping und LST
Nach dem vierten oder fünften Nodium toppen, die neuen Haupttriebe anschließend mit LST flach auseinanderziehen. Robust und einsteigerfreundlich.
LST und SCROG
Die Pflanze erst mit LST in die Breite bringen, dann ins Netz führen. Das Netz übernimmt die Rolle der Bindungen.
Topping, SCROG und Lollipopping
Mehrere Haupttriebe im Netz verteilen und kurz vor oder nach dem Umstellen die unteren Triebe entfernen, die unter dem Netz kaum Licht bekommen.
Supercropping als Notbremse
Einzelne Triebe, die in der Streckphase zu hoch werden, gezielt knicken, statt die Lampe höher zu hängen.
Kombiniere höchstens zwei neue Techniken pro Durchgang. So erkennst du, welcher Eingriff welche Wirkung hatte, und hältst den Stress für die Pflanze überschaubar.
Welche Methode passt zu dir? #
- Du startest gerade: LST, eventuell mit einem einzelnen Topping.
- Du hast wenig Höhe: SCROG oder frühes Umstellen mit LST.
- Du growst Autoflower: LST, ohne Topping in der späten Wachstumsphase.
- Du willst eine Pflanze maximal ausnutzen: SCROG mit vorherigem Topping.
- Du willst schnelle Zyklen: Eine SOG-ähnliche Strategie mit drei Pflanzen und kurzer vegetativer Phase.
Häufige Fragen #
Was ist besser: SCROG oder LST?
Keine Methode ist grundsätzlich besser. LST ist flexibler und einfacher, SCROG liefert das gleichmäßigere Blätterdach und stützt die Blüten. Viele Grower beginnen mit LST und führen die Triebe anschließend in ein Netz – so kombinierst du die Vorteile.
Kann ich SOG mit drei Pflanzen machen?
Ein klassisches SOG lebt von vielen Pflanzen auf kleiner Fläche. Mit drei Pflanzen kannst du das Prinzip nutzen – kurze Wachstumsphase, früh in die Blüte –, erreichst aber keine geschlossene Fläche wie mit neun oder mehr Pflanzen. In kleinen Boxen funktioniert das trotzdem gut.
Wann beginne ich mit dem Training?
LST kann starten, sobald die Pflanze vier bis fünf Nodien hat. Topping erfolgt meist ab dem vierten bis sechsten Nodium. Mit dem Netz beim SCROG beginnst du, wenn die Triebe etwa 5 bis 10 cm über das Netz hinausragen.
Kann ich in der Blüte noch trainieren?
In den ersten ein bis zwei Wochen der Blüte, während der Streckphase, sind LST und das Einflechten ins Netz noch möglich. Harte Eingriffe wie Topping solltest du in der Blüte vermeiden, weil die Pflanze die Erholungszeit nicht mehr hat.
Fazit #
LST, HST, SCROG und SOG unterscheiden sich in Aufwand, Stress und Pflanzenzahl, verfolgen aber dasselbe Ziel: ein flaches, gleichmäßig beleuchtetes Blätterdach. Für den Eigenanbau mit maximal drei Pflanzen sind LST, Topping und SCROG die tragenden Säulen, SOG bleibt eher ein Prinzip als ein Bauplan. Wer sein erstes Netz spannen will, findet die Praxis in der Anleitung SCROG-Netz richtig spannen.



