In den letzten Tagen vor der Ernte stellen viele Grower den Dünger ab und geben nur noch klares Wasser. Dieses Spülen oder Flushen soll überschüssige Nährsalze aus dem Substrat entfernen und die Pflanze dazu bringen, eingelagerte Nährstoffe zu verbrauchen. Diese Anleitung zeigt den praktischen Ablauf Schritt für Schritt. Warum gespült wird und welche Meinungen es dazu gibt, fasst der Ratgeber Flush vor der Cannabis-Ernte zusammen.
Ob ein Flush den Geschmack messbar verbessert, ist unter Growern umstritten. Unstrittig ist: Ein Substrat mit weniger Salzrückständen und eine Pflanze, die nicht bis zum letzten Tag voll gedüngt wurde, schaden dem Ergebnis nicht. Wer ohnehin moderat düngt, braucht keinen radikalen Flush.
Schritt 1: Den richtigen Zeitpunkt bestimmen #
Der Flush beginnt nicht nach Kalender, sondern nach dem Reifegrad der Blüten. Beobachte die Trichome mit einer Lupe: Werden die ersten milchig-trüb, ist der Zeitpunkt nah. Wie das genau geht, erklärt der Ratgeber Trichome beobachten.
Die Dauer hängt vom Substrat ab, weil es unterschiedlich viele Nährstoffe speichert:
| Substrat | Flush-Dauer (Richtwert) | Warum |
|---|---|---|
| Erde, vorgedüngt | 10–14 Tage | Erde speichert viele Nährstoffe |
| Erde mit Flüssigdünger | 7–10 Tage | weniger Vorrat im Substrat |
| Kokos | 5–7 Tage | geringe Pufferung, spült schnell aus |
| Hydro (DWC, Steinwolle) | 3–7 Tage | kaum Speicher im Substrat |
| Lebende Erde (Living Soil) | kein Flush | Nährstoffe werden bedarfsgerecht freigesetzt |
Schritt 2: Wassermenge berechnen #
Es gibt zwei Methoden:
- Sanfter Flush: Du gießt in der normalen Menge und im normalen Rhythmus, aber ohne Dünger. Das eignet sich für die meisten Grows.
- Intensiver Flush: Einmalig das Zwei- bis Dreifache des Topfvolumens durchspülen, danach normal mit klarem Wasser weitergießen. Sinnvoll, wenn der Drain-EC sehr hoch ist oder die Pflanze Anzeichen von Überdüngung zeigt.
Für einen 11-Liter-Topf bedeutet ein intensiver Flush also 22 bis 33 Liter Wasser. Gieße in mehreren Durchgängen mit Pausen, damit das Wasser das ganze Substrat durchströmt und nicht nur an der Topfwand hinunterläuft.
Schritt 3: Wasser vorbereiten #
Temperatur
Wasser mit 18 bis 22 °C verwenden.
pH-Wert einstellen
Auch klares Wasser gehört in den Zielbereich – etwa 6,2 bis 6,8 in Erde und 5,8 bis 6,2 in Kokos. Ohne passenden pH-Wert werden Salze schlechter gelöst.
Kein Dünger, keine Zusätze
Einige Grower nutzen spezielle Spülmittel. Nötig sind sie nicht.
Schritt 4: Den EC im Drain kontrollieren #
Der Drain, also das Wasser, das unten aus dem Topf läuft, zeigt dir, wie viele Salze noch im Substrat stecken. Fang ihn in einem Untersetzer auf und miss den EC-Wert. Was der Drain aussagt, erklärt der Lexikoneintrag Runoff beim Gießen.
| Drain-EC im Vergleich zum Gießwasser | Bedeutung |
|---|---|
| mehr als 1,0 mS/cm höher | noch viele Salze im Substrat, weiter spülen |
| 0,3–1,0 mS/cm höher | Flush wirkt, normal weitergießen |
| weniger als 0,3 mS/cm höher | Substrat weitgehend ausgespült |
Miss bei jedem Gießen. Der Wert sinkt meist nicht linear, sondern zuerst schnell und dann langsamer.
Schritt 5: Anzeichen für einen fertigen Flush #
- Der Drain-EC liegt nahe am EC des Gießwassers.
- Die großen Fächerblätter werden gelb, zuerst unten, dann nach oben. Das ist normal: Die Pflanze verbraucht ihre Reserven.
- Die Trichome sind überwiegend milchig mit dem gewünschten Anteil bernsteinfarbener Köpfe.
Verfärben sich Blätter schon in den ersten Tagen stark oder fallen massenhaft ab, war der Flush zu früh oder zu lang. Dann lieber früher ernten.
Kurz vor der Ernte: Nicht mehr gießen? #
Viele fragen, wie viele Tage vor der Ernte man kein Wasser mehr geben sollte. Bewährt hat sich: Die letzte Wassergabe ein bis zwei Tage vor der Ernte, sodass das Substrat am Erntetag leicht angetrocknet ist. Die Pflanze ist dann nicht prall mit Wasser gefüllt, und die Trocknung beginnt etwas gleichmäßiger.
Absichtlicher Trockenstress bis zum Welken ist dagegen nicht empfehlenswert. Dass er die Harzproduktion steigert, ist nicht belegt; welke Pflanzen lassen sich zudem schlechter schneiden und trocknen unregelmäßig.
Dunkelphase vor der Ernte: 48 Stunden im Dunkeln? #
Manche Grower stellen ihre Pflanzen vor der Ernte 24 bis 72 Stunden ins Dunkle. Die Idee dahinter: Die Pflanze soll unter „Stress“ noch einmal Harz bilden. Belastbare Belege dafür gibt es nicht; die Berichte sind überwiegend anekdotisch.
Wenn du es ausprobieren möchtest:
- Maximal 48 Stunden, länger bringt nach allgemeiner Erfahrung nichts.
- Die Temperatur stabil halten und die Luftfeuchte unter 55 % halten, da ohne Lampenwärme die Luftfeuchte steigt und das Schimmelrisiko wächst.
- Abluft weiterlaufen lassen.
Schaden tut eine kurze Dunkelphase in der Regel nicht. Wichtiger für Qualität sind jedoch der richtige Erntezeitpunkt, eine langsame Trocknung und ein sorgfältiges Curing. Was in den finalen Tagen sonst noch zählt, fasst der Beitrag Die letzten 2 Wochen vor der Cannabis-Ernte zusammen.
Häufige Fehler beim Flush #
- Zu früh starten: Die Pflanze hungert in der wichtigsten Phase der Blütenbildung.
- pH-Wert ignorieren: Auch klares Wasser braucht den passenden pH-Wert.
- Staunässe: Beim intensiven Flush muss das Wasser vollständig abfließen können.
- Flush bei Living Soil: Spült das Bodenleben aus und bringt keinen Vorteil.
Häufige Fragen #
Wie viele Tage vor der Ernte soll ich nicht mehr gießen?
Die letzte Wassergabe ein bis zwei Tage vor der Ernte ist ein bewährter Richtwert. Die Pflanze sollte dabei nicht welken. Länger ohne Wasser bringt keinen Vorteil.
Bringen 48 Stunden Dunkelheit vor der Ernte mehr Harz?
Das ist nicht belegt. Viele Grower machen es trotzdem, weil es praktisch ist und in der Regel nicht schadet. Achte dabei auf die Luftfeuchte, denn im Dunkeln steigt das Schimmelrisiko.
Muss ich bei Autoflowers anders flushen?
Nein. Der Ablauf ist derselbe, nur die Zeitplanung ist enger. Orientiere dich an den Trichomen und nicht an der Wochenzahl der Sortenbeschreibung.
Kann ich während des Flushs noch Cal-Mag geben?
Bei Kokos oder Osmosewasser geben manche Grower in der ersten Flush-Hälfte noch eine geringe Menge Cal-Mag, um starke Mangelsymptome zu vermeiden. In Erde ist das meist nicht nötig.



