Über Licht, Dünger und Klima wird im Grow viel gesprochen, über die Luft im Wurzelraum kaum. Dabei ist Sauerstoff an den Wurzeln einer der wichtigsten Faktoren für gesundes Wachstum. Fehlt er, stockt die Nährstoffaufnahme, die Blätter hängen, und Wurzelkrankheiten haben leichtes Spiel. Hier erfährst du, warum Wurzeln atmen müssen und mit welchen Maßnahmen du den Sauerstoff im Substrat erhöhst.
Warum Wurzeln Sauerstoff brauchen #
Blätter produzieren bei der Photosynthese Sauerstoff, die Wurzeln dagegen verbrauchen ihn. Sie betreiben Zellatmung, um Energie zu gewinnen. Diese Energie brauchen sie vor allem für zwei Aufgaben:
- Aktive Nährstoffaufnahme: Viele Nährstoffe werden unter Energieaufwand gegen ein Konzentrationsgefälle in die Wurzel transportiert.
- Wachstum: Neue Wurzelspitzen und Wurzelhaare entstehen nur, wenn genügend Energie verfügbar ist.
Fehlt Sauerstoff, schalten die Wurzelzellen auf eine wenig effiziente Notversorgung um. Die Nährstoffaufnahme bricht ein, feine Wurzeln sterben ab, und abgestorbenes Gewebe bietet Fäulniserregern einen Nährboden.
Wie Sauerstoff ins Substrat gelangt #
Substrat besteht aus festen Teilchen und Poren. Die Poren sind entweder mit Wasser oder mit Luft gefüllt. Nach dem Gießen verdrängt Wasser die Luft. Während die Pflanze Wasser verbraucht und das Substrat abtrocknet, strömt frische Luft nach. Zusätzlich löst sich etwas Sauerstoff im Gießwasser, allerdings nur in geringen Mengen.
Daraus ergeben sich die drei Stellschrauben:
Struktur des Substrats
Wie viele große, luftführende Poren gibt es?
Topf
Wie gut kann Luft von außen eindringen und Wasser ablaufen?
Gießrhythmus
Wie oft und wie lange sind die Poren mit Wasser gefüllt?
Anzeichen für Sauerstoffmangel #
| Symptom | Mögliche Bedeutung |
|---|---|
| Blätter hängen prall und dunkel, obwohl das Substrat nass ist | Wurzeln bekommen zu wenig Luft, typisch bei Überwässerung |
| Langsames Wachstum trotz guter Düngung | Nährstoffaufnahme gehemmt |
| Substrat bleibt tagelang nass, riecht muffig oder faulig | zu wenig Luftporen, Staunässe |
| Braune, weiche oder schleimige Wurzeln | Wurzelfäule, oft Folge von Sauerstoffmangel |
| Mangelsymptome, obwohl Nährstoffe vorhanden sind | Aufnahme blockiert |
Viele dieser Symptome ähneln einer Überwässerung, und tatsächlich ist Überwässerung die häufigste Ursache für Sauerstoffmangel. Ausführlich dazu: Überwässerung bei Cannabis erkennen und korrigieren.
Substrat: Struktur ist alles #
Ein gutes Substrat enthält genug grobe Bestandteile, damit auch nach dem Gießen ein Teil der Poren mit Luft gefüllt bleibt.
| Substrat/Zusatz | Luftanteil | Hinweis |
|---|---|---|
| Schwere, torfreiche Erde ohne Zuschlag | eher gering | neigt zu Verdichtung |
| Lockere Grow-Erde mit Perlite | gut | Standard im Heim-Grow |
| Coco | hoch | hält viel Luft auch in nassem Zustand |
| Perlite | sehr hoch | Zuschlagstoff, speichert kaum Wasser |
| Blähton | sehr hoch | vor allem für Hydro oder als Drainage |
Ein Zuschlag von etwa 20 bis 30 % Perlite ist ein bewährter Richtwert, um Erde luftiger zu machen. Wie du Perlite richtig einmischst, beschreibt Perlite im Cannabis-Grow richtig einsetzen.
Achte außerdem darauf, das Substrat beim Befüllen des Topfs nicht zu verdichten. Lieber locker einfüllen, einmal leicht aufstoßen und angießen.
Der richtige Topf #
- Stofftöpfe und Air-Pots: Luft dringt durch die Wände ein, überschüssiges Wasser verdunstet schneller. Wurzeln, die die Wand erreichen, werden „luftgeschnitten“ und verzweigen sich stärker. Einen Vergleich findest du unter Air-Pots vs. Plastiktöpfe.
- Plastiktöpfe: funktionieren gut, wenn der Boden ausreichend Abflusslöcher hat und das Substrat locker ist.
- Topfgröße passend wählen: Ein riesiger Topf für einen kleinen Sämling bleibt lange nass. Besser in einem kleineren Topf starten und später umtopfen.
- Nicht im Wasser stehen lassen: Untersetzer nach dem Gießen leeren oder Töpfe leicht erhöht stellen.
Gießrhythmus: Nass-Trocken-Wechsel #
Das Gießen hat den größten Einfluss auf den Sauerstoff im Topf:
Durchdringend gießen
Bis etwas Wasser unten abläuft.
Abtrocknen lassen
Warte, bis der Topf deutlich leichter geworden ist.
Dann erneut gießen
Nicht nach Kalender, sondern nach Bedarf.
Durch den Wechsel wird verbrauchte Luft aus dem Substrat gedrückt und frische nachgezogen. Ständiges Nachgießen kleiner Mengen in Erde verhindert diesen Austausch. In Coco sieht es anders aus: Hier bleibt auch bei häufigem Gießen genug Luft im Substrat, deshalb sind mehrere kleine Gaben pro Tag möglich.
Wassertemperatur und gelöster Sauerstoff #
Kaltes Wasser kann mehr Sauerstoff lösen als warmes. Im Substrat spielt das eine untergeordnete Rolle, in Hydrosystemen dagegen eine große. Als Richtwert gilt für Nährlösungen im Reservoir eine Temperatur von 18 bis 21 °C. Darüber sinkt der gelöste Sauerstoff, und das Risiko für Wurzelfäule steigt deutlich.
Technische Hilfen #
- Luftpumpe und Luftsteine: in DWC- und anderen Hydrosystemen Pflicht. Sie reichern die Lösung mit Sauerstoff an und halten sie in Bewegung.
- Belüftetes Gießwasser: Wer Gießwasser vorab in einem Tank ansetzt, kann es mit einem Luftstein belüften. Das hält das Wasser frisch, der Effekt im Topf ist aber begrenzt.
- Wasserstoffperoxid: wird manchmal in niedriger Dosierung eingesetzt, um Sauerstoff freizusetzen und Keime zu reduzieren. Es tötet allerdings auch nützliche Mikroorganismen und gehört nicht in organische Systeme oder Living Soil. Wer es nutzt, sollte sehr vorsichtig dosieren.
Häufige Fragen #
Woran erkenne ich, dass meine Wurzeln zu wenig Sauerstoff bekommen?
Typisch sind prall hängende, dunkle Blätter bei nassem Substrat, langsames Wachstum und ein muffiger Geruch aus dem Topf. Gesunde Wurzeln sind hell und fest, braune und schleimige Wurzeln deuten auf Sauerstoffmangel und Fäulnis hin.
Wie bekomme ich mehr Sauerstoff an die Wurzeln?
Mit einem lockeren Substrat mit Perlite-Anteil, einem Topf mit guter Drainage oder aus Stoff, einem Gießrhythmus mit Abtrocknungsphasen und in Hydrosystemen mit Luftpumpe und kühler Nährlösung.
Sind Stofftöpfe wirklich besser für die Wurzeln?
Stofftöpfe verbessern die Luftzufuhr und verhindern, dass Wurzeln im Kreis wachsen. Sie trocknen aber schneller aus und müssen öfter gegossen werden. Mit gut drainierten Plastiktöpfen und lockerem Substrat lassen sich ebenfalls sehr gute Ergebnisse erzielen.
Kann ich die Erde auflockern, wenn sie verdichtet ist?
Während des Grows nur sehr vorsichtig an der Oberfläche, um keine Wurzeln zu verletzen. Besser ist es, beim nächsten Umtopfen ein lockereres Substrat zu verwenden und den Gießrhythmus anzupassen.


