Licht ist für Pflanzen nicht nur Energiequelle, sondern auch Information. Über spezielle Lichtrezeptoren „lesen“ sie die Farbzusammensetzung und passen Wuchsform, Blattstellung und Stoffwechsel an. Deshalb wachsen Pflanzen unter verschiedenen LED-Spektren sichtbar unterschiedlich, auch bei gleicher Lichtmenge. Dieser Beitrag erklärt, was die einzelnen Wellenlängenbereiche bei Cannabis bewirken, welche Effekte gut belegt sind und wo Herstellerversprechen über das gesicherte Wissen hinausgehen.
Zwei Wirkungen von Licht: Energie und Signal #
Für die Photosynthese nutzen Pflanzen vor allem Licht zwischen 400 und 700 nm, den PAR-Bereich. Innerhalb dieses Bereichs ist rotes Licht pro Photon besonders effizient, aber auch Blau und Grün treiben die Photosynthese an. Daneben wirken bestimmte Wellenlängen als Signal:
- Cryptochrome und Phototropine reagieren auf Blau und UV-A. Sie steuern unter anderem Streckung, Blattausrichtung und das Öffnen der Spaltöffnungen.
- Phytochrome reagieren auf das Verhältnis von Rot zu Dunkelrot (Far-Red). Sie melden der Pflanze, ob sie im Schatten steht, und sind an der Blühsteuerung beteiligt.
- UVR8 reagiert auf UV-B und löst Schutzreaktionen aus.
Die Morphologie, also Wuchsform und Aufbau der Pflanze, wird stark von diesen Signalen geprägt. Die Menge an Licht bestimmt dagegen vor allem, wie viel Biomasse entsteht.
Blau (400–500 nm): kompakter Wuchs #
Blaues Licht hemmt die Streckung. Pflanzen mit höherem Blauanteil bleiben kompakter, bilden kürzere Internodien und oft dickere Blätter. Außerdem fördert Blau das Öffnen der Spaltöffnungen und damit den Gasaustausch.
In der Praxis bedeutet das:
- In der vegetativen Phase sorgt ein etwas kühleres, blaulastigeres Spektrum für buschige Pflanzen.
- Zu wenig Blau führt zu gestreckten, dünnen Trieben, besonders bei schwacher Lichtintensität.
- Sehr hohe Blauanteile senken die Effizienz, weil blaue LEDs pro Watt meist weniger Photonen erzeugen als rote.
Als grobe Orientierung enthalten gängige Vollspektrum-LEDs etwa 10 bis 20 % Blau. Für die meisten Heim-Grows ist das ausreichend.
Rot (600–700 nm): Motor der Photosynthese #
Rotes Licht um 660 nm wird von Chlorophyll sehr effizient genutzt. Deshalb ergänzen viele Vollspektrum-Lampen weiße LEDs mit zusätzlichen roten Dioden. Rot fördert das Wachstum von Biomasse und ist besonders in der Blüte wichtig, wenn die Pflanze viel Energie in die Blütenbildung steckt.
Ein Spektrum mit sehr viel Rot und wenig Blau begünstigt allerdings Streckung. Pflanzen unter rein roten Lampen wachsen oft lang und schwach. Die Mischung macht es.
Grün (500–600 nm): unterschätzt #
Grünes Licht wurde lange als nutzlos betrachtet, weil Blätter grün erscheinen. Tatsächlich wird ein Teil reflektiert, ein anderer dringt aber tiefer in das Blätterdach ein als Rot und Blau und versorgt so die unteren Blätter. Weiße LEDs enthalten naturgemäß einen hohen Grünanteil, was ein Grund für ihre gute Leistung im dichten Blätterdach ist. Außerdem erleichtert Grün die Sichtkontrolle, weil Blattfarben natürlich aussehen.
Far-Red (700–750 nm): Streckung und Blüte #
Far-Red liegt knapp außerhalb des klassischen PAR-Bereichs, beeinflusst Pflanzen aber deutlich:
- Schattenvermeidung: Ein hoher Far-Red-Anteil signalisiert Schatten. Die Pflanze streckt sich, um der Konkurrenz zu entkommen. Das kann in der Blüte zu längeren Internodien führen.
- Emerson-Effekt: In Kombination mit rotem Licht kann Far-Red die Photosynthese etwas steigern, weil beide Photosysteme besser zusammenarbeiten.
- End-of-Day-Behandlung: Einige Grower geben zum Ende der Lichtphase für 10 bis 15 Minuten nur Far-Red, um die Umstellung der Phytochrome zu beschleunigen. Ob das bei Cannabis die Blüte zuverlässig beschleunigt oder eine kürzere Dunkelphase erlaubt, ist bislang nicht eindeutig belegt.
Far-Red ist ein Werkzeug für Fortgeschrittene. Wer ohnehin mit Platzproblemen kämpft, sollte es sparsam einsetzen.
UV-A und UV-B: Stressreiz mit offenen Fragen #
UV-Licht gilt als Stressfaktor, auf den Pflanzen mit Schutzstoffen reagieren, etwa Flavonoiden. Viele Grower hoffen, dass UV-B auch die Trichombildung und den Cannabinoidgehalt steigert. Die Studienlage dazu ist uneinheitlich: Einige Untersuchungen fanden positive Effekte, andere keine oder sogar negative Folgen bei hohen Dosen.
- UV-A (315–400 nm) ist verhältnismäßig harmlos und in manchen Vollspektrum-Lampen in kleinen Mengen enthalten.
- UV-B (280–315 nm) wirkt stärker, kann bei Überdosierung aber Blätter schädigen und das Wachstum bremsen.
- Wenn überhaupt, wird UV meist nur in den letzten Blütewochen und für begrenzte Zeit pro Tag eingesetzt.
UV-B schädigt Augen und Haut. Schalte UV-Lampen aus, bevor du in der Box arbeitest, oder trage geeigneten Schutz.
Mehr zu diesen Randbereichen des Spektrums findest du im Beitrag LED-Growlampen mit UV und IR.
Wirkung auf Inhaltsstoffe: Was ist gesichert? #
Beim Einfluss des Spektrums auf Cannabinoide und Terpene gehen Werbeversprechen oft weiter als die Forschung. Gesichert ist:
- Die Lichtmenge hat einen größeren Einfluss auf Ertrag und Blütenqualität als feine Spektralunterschiede.
- Ein ausgewogenes Vollspektrum liefert bei Cannabis zuverlässig gute Ergebnisse.
- Einzelne Studien zeigen Effekte bestimmter Spektren auf Cannabinoid- oder Terpenprofile, die Ergebnisse sind aber je nach Sorte und Versuchsaufbau unterschiedlich.
Wenn du die Qualität verbessern möchtest, sind stabile Klimawerte, ein guter Erntezeitpunkt und sorgfältiges Trocknen und Curing meist wirkungsvoller als Experimente mit dem Spektrum.
Spektrum in der Praxis steuern #
| Phase | Spektrum-Schwerpunkt | Hinweis |
|---|---|---|
| Sämlinge, Stecklinge | Vollspektrum, eher kühl, gedimmt | kompakter Wuchs, keine Überforderung |
| Vegetative Phase | Vollspektrum, eher kühl | buschige Pflanzen, kurze Internodien |
| Blüte | Vollspektrum mit zusätzlichem Rot | mehr Photosynthese für die Blütenbildung |
| Späte Blüte | optional UV-A in kleinen Dosen | Wirkung nicht sicher belegt |
Lampen mit mehreren getrennt dimmbaren Kanälen erlauben es, den Rot- oder Far-Red-Anteil je nach Phase zu verändern. Für die meisten Heim-Grows reicht ein gutes Vollspektrum mit Dimmfunktion. Wie sich Vollspektrum- und Dual-Spektrum-Lampen unterscheiden, zeigt der Vergleich Full Spectrum vs. Dual Spectrum.
Häufige Fragen #
Welches Blau-Rot-Verhältnis ist optimal für Cannabis?
Ein allgemeingültiges Optimum gibt es nicht. Gängige Vollspektrum-LEDs mit etwa 10 bis 20 % Blau und einem deutlichen Rotanteil funktionieren in allen Phasen gut. Mehr Blau hält Pflanzen kompakter, mehr Rot fördert die Photosynthese.
Sagt die Farbtemperatur in Kelvin etwas über das Spektrum aus?
Nur grob. Kelvin beschreibt den Farbeindruck für das menschliche Auge. 3000 K wirken wärmer und enthalten mehr Rot, 5000 K mehr Blau. Für eine genaue Beurteilung brauchst du das Spektraldiagramm der Lampe.
Brauche ich eine Lampe mit Far-Red?
Nein. Far-Red kann die Photosynthese leicht unterstützen und wird für Experimente mit der Blühsteuerung genutzt, ist aber für erfolgreiche Grows nicht notwendig.
Erhöht UV-Licht den THC-Gehalt?
Das ist umstritten. Einige Studien fanden Effekte, andere nicht. UV-B kann bei zu hoher Dosis Pflanzen schädigen, deshalb ist Zurückhaltung angebracht.



